Alte Rollen, neue Wunden
Moa Herngren beweist mit „Geschwister“ erneut ihr Talent für die präzise Sezierung von Familienkonflikten. Schon das leicht unscharfe minimalistische, skandinavische Cover deutet an, dass es unter der harmonischen Oberfläche gewaltig bröckelt. Im Zentrum stehen drei erwachsene Geschwister, die beim Thema Erbe intensiv aufeinanderprallen. Herngren verzichtet auf reißerische Effekte und zieht die Spannung stattdessen aus leisen, psychologischen Zwischentönen. Ihr Schreibstil ist dabei flüssig, nahbar und unbarmherzig ehrlich. Die größte Stärke des Buches sind die Figuren: Sie sind nicht immer sympathisch, aber absolut authentisch. Durch wechselnde Perspektiven gerät das eigene Urteil ständig ins Wanken, da das Verhalten der drei tief in alten Kindheitsrollen verwurzelt ist. Mich fesselt dieser Realismus sehr, weil er zeigt, wie leicht man sich von der eigenen Familie triggern lässt. Dass es nicht für die volle Punktzahl reicht, liegt nur an den inneren Monologen, die sich gelegentlich im Kreis drehen und die Handlung minimal in die Länge ziehen. Insgesamt ist „Geschwister“ jedoch ein messerscharfes, kluges Familiendrama ohne Kitsch. Wer tiefgründige skandinavische Gegenwartsliteratur sucht, bekommt hier eine uneingeschränkte Leseempfehlung.