Familienbande
Dies ist schon der dritte Roman der schwedischen Autorin, nach „Scheidung“ und „Schwiegermutter“, in dem sie sich mit familiären Konflikten und Beziehungsdynamiken auseinandersetzt. ( Ich kenne die ersten beiden Bücher noch nicht, sie sind aber nach der Lektüre von „Geschwister“ sofort auf meiner Wunschliste gelandet.)
Der plötzliche Tod des Vaters bringt das fragile Beziehungsgefüge zwischen den drei erwachsenen Geschwistern Ulrika, Andrea und Rasmus noch stärker ins Trudeln. Dabei haben sie auch so schon mit erheblichen privaten Problemen zu kämpfen. Doch dieser Schicksalsschlag weckt Erinnerungen an die Kindheit, die jeder der drei anders erlebt hat.
Ulrika, die Älteste, war lange der Liebling ihres Vaters, bis nach einem Ereignis Andrea diese Rolle einnahm. Rasmus, der Nachzügler, stand immer im Schatten seiner älteren Schwestern, und wird auch heute noch von ihnen gerne übersehen oder instrumentalisiert.
Im Zentrum des Romans stehen die anderthalb Jahre nach dem Tod des Vaters, verwoben mit Erinnerungen an die Vergangenheit. Das Faszinierende daran ist die Erzählweise. Moa Herngren lässt die Geschwister in drei großen Abschnitten selbst zu Wort kommen und obwohl alle drei im Grunde dieselbe Geschichte erzählen, wird es nicht langweilig. Denn jeder nimmt die Dinge auf seine ganz subjektive Weise wahr, deutet sie anders und hat auch nicht denselben Wissensstand.
Und so ist auch der Lesende ständig gezwungen, seine Sichtweise zu revidieren.
Zu Beginn erleben wir Andrea, die das Gefühl hat, sich um alles kümmern zu müssen. Sie ist diejenige, die die Beerdigung organisiert, sich um die Mutter sorgt und überhaupt das Ansehen des geliebten Vaters hochhält. Dass ihre Geschwister ihr Engagement keineswegs würdigen, ärgert sie maßlos. Und auch die innige Beziehung zwischen ihrer Mutter und ihrer Schwester kränkt sie stark.
Ist man anfangs noch auf Andreas Seite, ändert sich das spätestens mit der Perspektive von Ulrika. Plötzlich spürt man, wie dominant und übergriffig Andrea agiert. Und auch Rasmus, der zuvor eher eine blasse Figur im Hintergrund war, bekommt mit seinem Abschnitt Profil.
Obwohl alle drei Charaktere ihre Fehler und Schwächen haben , bringt man Verständnis auf für sie. Man spürt, welche Kränkungen und Verletzungen sie geprägt haben, wie Rivalität und Schuldgefühle sie bis in die Gegenwart belasten, wie sie geworden sind, wie sie sind.
Dabei zeigt der Roman eindrucksvoll, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Auch wenn Geschwister im selben Haus aufwachsen, so erleben sie die eigene Familie nie gleich. Dazu braucht es nicht mal ein Familiengeheimnis, wie hier im Buch. Das kann ich, als älteste Schwester mit vier Brüdern aufgewachsen, nur bestätigen.
Moa Herngren hat mit „Geschwister“ einen unglaublich fesselnden Familienroman geschrieben, der zum Nachdenken über die eigene Familie anregt.