Beeindruckende Chronik tschechisch-deutscher Geschichte
Was für eine beeindruckende Chronik einer tschechischen Region mit einer zersplitterten Vergangenheit! Ein turbulentes Mosaik von Schicksalen ergibt ein lebhaftes Bild der Zeitgeschichte.
Rückblickend habe ich den persönlichen Eindruck, dass der Blick auf die Geschichte des „Sudetenlandes“ über Jahrzehnte fast schon eine Art „Tabu-Thema“ war. Nun wird es hier endlich in der Literatur aufgegriffen. Es wurde Zeit, mit der Aufarbeitung der Geschichte dieser Region im 20. Jahrhundert zu beginnen. Wer weiß von uns heute noch, wie das gemeinschaftliche Leben der deutschen und tschechischen Bevölkerung in diesen Gebieten ablief und wie es durch die politischen Ereignisse in jenem Jahrhundert beeinflusst, ja zerstört wurde?
Die tschechische Journalistin und Schriftstellerin Alice Horáčková begab sich auf die Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte, in Archiven und Erinnerungen von Zeitzeug*innen. Der daraus entstandene Roman „Rozpůlený dům“ war in Tschechien ein großer Erfolg und ist nun endlich ins Deutsche übersetzt worden.
Mir ist eigentlich erst am Ende des Buches klar geworden, wie enorm persönlich dieser Roman für die Autorin ist. Denn es ist die Geschichte ihrer Familie Horáček-Hollmann, die sie erzählt und deren echten Namen sie benutzt.
Über die Hälfte des 20. Jahrhunderts begleiten wir die meist tschechischen, aber auch deutschen Bewohner*innen des Dorfes Benecko im Riesengebirge. Die Obrigkeiten und Staatsformen wechseln von österreichischer k.u.k. Monarchie zu tschechischer Republik, deutschem Protektorat/Besatzung und zurück zur Republik. Neben den Machtwechseln suchen zwei Weltkriege die Menschen heim.
Was machte das mit den Menschen in einer Region, in der sowohl Tschechisch als auch Deutsch gesprochen wurde? In der die Familien oft miteinander vermischt waren, aber auch Konflikte entbrannten. Was passiert, wenn plötzlich die Identität vor allem durch Nationalismus bestimmt wird?
Am Beginn des generationenübergreifenden Romans hat mich die Vielzahl an Charakteren ziemlich gefordert. Gut, dass viele davon im Anhang kurz aufgelistet sind, damit man den Überblick behält.
Dass zwei spezielle Frauencharaktere die Leser*innen durch die turbulenten Zeiten begleiten, ist durch zwei Briefe aus der Nachkriegszeit am Anfang und Ende des Romans sofort klar: Die schöne, temperamentvolle Zdenka und die eher nachdenkliche Anežka, die Lehrerin werden möchte, die eine tschechisch, die andere deutsch, beide aus Benecko stammend, erleben eine bewegte Freundschaft, die Familienkonflikte, Eifersucht, Rivalitäten, Krisen, Katastrophen und getrennte Wege übersteht.
So zahlreich die weiteren Charaktere sind, so verwegen sind die Geschichten dieser recht eigenen Gebirgsbewohner. In der österreichischen Monarchie lebt man gut nachbarschaftlich in der kargen Gebirgslandschaft, hilft sich gegenseitig, heiratet untereinander, stichelt und streitet natürlich auch.
Es wird anschaulich erzählt, wie mit dem zunehmenden Nationalismus und der nationalsozialistischen Propaganda die Beziehungen in der Region zunehmend eskalieren. Nach der deutschen Besetzung des Sudetenlandes im November 1938 wird Benecko in zwei Hälften geteilt. Ein Teil gehört nun zum Deutschen Reich, der andere zur Tschechoslowakischen Republik. Das schürt Konflikte zwischen den Charakteren.
Im Roman erlebt man, wie die Nationalitätenfrage nicht nur die Gemeinschaft im Dorf zerreißt, sondern auch wie die Ideologie Mitglieder in den Familien entzweit. Ein sehr geschäftstüchtiges Familienmitglied weiß sich gleich anzupassen, übernimmt mit Hilfe des Reichsprotektors eine jüdische Textilfabrik und knüpft Kontakte ganz nach oben. Währenddessen versuchen Zdenka und Anežka mit wenig Glück, ihre Familien zusammenzuhalten. Die Geschichte führt bis ins Jahr 1948 - der Ausgang ist historisch bekannt. Nach Kriegsende folgt die Vertreibung. Ein Teil der Familie muss das Land verlassen, ein Teil bleibt.
Die Vertreibung teilte letztendlich die Familie Horáček-Hollmann „in zwei Hälften“, förmlich in zwei Welten, worauf der Titel „Geteiltes Haus“ verweist.
Die Authentizität der Geschichte wird auch dadurch unterstrichen, wie historisch bekannte regionale Begebenheiten das Leben der Charaktere beeinflussen wie z.B. der Dammbruch in Desná. Die Beschreibungen und Geschehnissen lassen einem das Dorf Benecko und seine Bewohner*innen bald vor Augen stehen.
Der Roman ist beeindruckend vom Wechsel der Perspektiven geprägt. Die Sicht von Kindern also auch von Erwachsenen, von einfachen Leuten wie auch vom Dorfschullehrer, von Bewohnern, die sich deutsch oder auch tschechisch fühlen, sich dem NS-Regime anbiedern oder Widerstand üben, die bleiben oder die gehen, wechseln sich ab. Kapitelweise eilt man von einem Schicksal zum anderen. Alles verwebt sich zu einem mosaikartigen facettenreichen Bild. Für mich ist es bunt, lebendig und vielfältig, dass ich mir auch eine Verfilmung vorstellen könnte. So dynamisch und spannend empfand ich die Handlung und auch den Sprachstil.
Der Autorin ist es sehr eindrücklich gelungen, sich in das Gefühlsleben ihrer verschiedenen, zahlreichen Figuren hineinzufinden und sie authentisch darzustellen. Mein Lieblingscharakter ist Zdenkas erster (unehelicher) Sohn Arnošt, Großvater der Autorin, der trotz schwieriger Familienlage sich selbst treu bleibt und bewundernswert seinen ganz eigenen Weg gegangen ist.
Mich hat dieser außergewöhnliche historische Roman begeistert. Ein vielschichtiges Zeitdokument, bei dem ich mir sogar eine Fortsetzung wünschen würde, um zu erfahren, wie die Wege der beiden getrennten Familienzweige weiterliefen.
Was mich nicht so begeistert hat, ist das Cover im typischen Stil des Verlags, mit einer auf mich extrem gelangweilt anmutenden Frau. Das Cover der Originalausgabe (die schaue ich mir immer an) hat mir weitaus mehr zugesagt, da es sehr authentisch ist.
Rückblickend habe ich den persönlichen Eindruck, dass der Blick auf die Geschichte des „Sudetenlandes“ über Jahrzehnte fast schon eine Art „Tabu-Thema“ war. Nun wird es hier endlich in der Literatur aufgegriffen. Es wurde Zeit, mit der Aufarbeitung der Geschichte dieser Region im 20. Jahrhundert zu beginnen. Wer weiß von uns heute noch, wie das gemeinschaftliche Leben der deutschen und tschechischen Bevölkerung in diesen Gebieten ablief und wie es durch die politischen Ereignisse in jenem Jahrhundert beeinflusst, ja zerstört wurde?
Die tschechische Journalistin und Schriftstellerin Alice Horáčková begab sich auf die Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte, in Archiven und Erinnerungen von Zeitzeug*innen. Der daraus entstandene Roman „Rozpůlený dům“ war in Tschechien ein großer Erfolg und ist nun endlich ins Deutsche übersetzt worden.
Mir ist eigentlich erst am Ende des Buches klar geworden, wie enorm persönlich dieser Roman für die Autorin ist. Denn es ist die Geschichte ihrer Familie Horáček-Hollmann, die sie erzählt und deren echten Namen sie benutzt.
Über die Hälfte des 20. Jahrhunderts begleiten wir die meist tschechischen, aber auch deutschen Bewohner*innen des Dorfes Benecko im Riesengebirge. Die Obrigkeiten und Staatsformen wechseln von österreichischer k.u.k. Monarchie zu tschechischer Republik, deutschem Protektorat/Besatzung und zurück zur Republik. Neben den Machtwechseln suchen zwei Weltkriege die Menschen heim.
Was machte das mit den Menschen in einer Region, in der sowohl Tschechisch als auch Deutsch gesprochen wurde? In der die Familien oft miteinander vermischt waren, aber auch Konflikte entbrannten. Was passiert, wenn plötzlich die Identität vor allem durch Nationalismus bestimmt wird?
Am Beginn des generationenübergreifenden Romans hat mich die Vielzahl an Charakteren ziemlich gefordert. Gut, dass viele davon im Anhang kurz aufgelistet sind, damit man den Überblick behält.
Dass zwei spezielle Frauencharaktere die Leser*innen durch die turbulenten Zeiten begleiten, ist durch zwei Briefe aus der Nachkriegszeit am Anfang und Ende des Romans sofort klar: Die schöne, temperamentvolle Zdenka und die eher nachdenkliche Anežka, die Lehrerin werden möchte, die eine tschechisch, die andere deutsch, beide aus Benecko stammend, erleben eine bewegte Freundschaft, die Familienkonflikte, Eifersucht, Rivalitäten, Krisen, Katastrophen und getrennte Wege übersteht.
So zahlreich die weiteren Charaktere sind, so verwegen sind die Geschichten dieser recht eigenen Gebirgsbewohner. In der österreichischen Monarchie lebt man gut nachbarschaftlich in der kargen Gebirgslandschaft, hilft sich gegenseitig, heiratet untereinander, stichelt und streitet natürlich auch.
Es wird anschaulich erzählt, wie mit dem zunehmenden Nationalismus und der nationalsozialistischen Propaganda die Beziehungen in der Region zunehmend eskalieren. Nach der deutschen Besetzung des Sudetenlandes im November 1938 wird Benecko in zwei Hälften geteilt. Ein Teil gehört nun zum Deutschen Reich, der andere zur Tschechoslowakischen Republik. Das schürt Konflikte zwischen den Charakteren.
Im Roman erlebt man, wie die Nationalitätenfrage nicht nur die Gemeinschaft im Dorf zerreißt, sondern auch wie die Ideologie Mitglieder in den Familien entzweit. Ein sehr geschäftstüchtiges Familienmitglied weiß sich gleich anzupassen, übernimmt mit Hilfe des Reichsprotektors eine jüdische Textilfabrik und knüpft Kontakte ganz nach oben. Währenddessen versuchen Zdenka und Anežka mit wenig Glück, ihre Familien zusammenzuhalten. Die Geschichte führt bis ins Jahr 1948 - der Ausgang ist historisch bekannt. Nach Kriegsende folgt die Vertreibung. Ein Teil der Familie muss das Land verlassen, ein Teil bleibt.
Die Vertreibung teilte letztendlich die Familie Horáček-Hollmann „in zwei Hälften“, förmlich in zwei Welten, worauf der Titel „Geteiltes Haus“ verweist.
Die Authentizität der Geschichte wird auch dadurch unterstrichen, wie historisch bekannte regionale Begebenheiten das Leben der Charaktere beeinflussen wie z.B. der Dammbruch in Desná. Die Beschreibungen und Geschehnissen lassen einem das Dorf Benecko und seine Bewohner*innen bald vor Augen stehen.
Der Roman ist beeindruckend vom Wechsel der Perspektiven geprägt. Die Sicht von Kindern also auch von Erwachsenen, von einfachen Leuten wie auch vom Dorfschullehrer, von Bewohnern, die sich deutsch oder auch tschechisch fühlen, sich dem NS-Regime anbiedern oder Widerstand üben, die bleiben oder die gehen, wechseln sich ab. Kapitelweise eilt man von einem Schicksal zum anderen. Alles verwebt sich zu einem mosaikartigen facettenreichen Bild. Für mich ist es bunt, lebendig und vielfältig, dass ich mir auch eine Verfilmung vorstellen könnte. So dynamisch und spannend empfand ich die Handlung und auch den Sprachstil.
Der Autorin ist es sehr eindrücklich gelungen, sich in das Gefühlsleben ihrer verschiedenen, zahlreichen Figuren hineinzufinden und sie authentisch darzustellen. Mein Lieblingscharakter ist Zdenkas erster (unehelicher) Sohn Arnošt, Großvater der Autorin, der trotz schwieriger Familienlage sich selbst treu bleibt und bewundernswert seinen ganz eigenen Weg gegangen ist.
Mich hat dieser außergewöhnliche historische Roman begeistert. Ein vielschichtiges Zeitdokument, bei dem ich mir sogar eine Fortsetzung wünschen würde, um zu erfahren, wie die Wege der beiden getrennten Familienzweige weiterliefen.
Was mich nicht so begeistert hat, ist das Cover im typischen Stil des Verlags, mit einer auf mich extrem gelangweilt anmutenden Frau. Das Cover der Originalausgabe (die schaue ich mir immer an) hat mir weitaus mehr zugesagt, da es sehr authentisch ist.