Blüten eines fanatischen Nationalismus

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Der Roman umspannt den Zeitraum von der K.u.K. Monarchie Anfang des 20. Jahrhunderts bis zu den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Der Schauplatz ist das Sudetenland im Riesengebirge, genauer gesagt der Ort Benetzko, wo sowohl tschechoslowakische als auch deutsche Familien während der Kaiserzeit weitgehend friedlich miteinander lebten. Die Autorin greift hier autofiktional ihre eigene Familiengeschichte auf.

Im Mittelpunkt stehen Anezka Braun, die Tochter des Bürgermeisters, und Zdenka Honcu, deren Vater nach dem frühen Tod der Mutter allein für das Mädchen sorgt. Anezka und Zdenka sind dicke Freundinnen. Wir begleiten die Mädchen zur Schule, bei ihren täglichen Pflichten. Als Teenager sehnen sie sich nach Liebe und lassen sich mit Männern ein, die eigentlich nicht zu ihnen passen. Die beiden jungen Frauen heiraten die Brüder Hans und Vinzenz Hollmann, Kinder lassen nicht lange auf sich warten – ein typisches Frauenschicksal. Anezka hat mit Hans den klügeren Bruder an ihrer Seite, der es versteht, Geschäfte zu machen und Geld zu verdienen. Vinzenz ist von eher grobschlächtigem Kaliber, er neigt zu Gewalt und Wichtigtuerei.

Die Geschichte macht vor Benetzko nicht halt. Im Lauf der Jahre steht das Sudetenland mal unter Tschechoslowakischer Herrschaft (Erste und Zweite Tschech. Republik von 1918 – 1939 und ab 1945) und mal unter Deutscher Herrschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Die politischen Umstürze bringen für die Bevölkerung Spannungen und Unfrieden mit sich, weil die jeweils „unterlegene“ Volksgruppe systematisch unterdrückt wird. Sie darf ihre Sprache nicht mehr sprechen, muss ihre nationale Identität verleugnen und sich strikt anpassen. Aus Freunden werden Feinde, die Muster gleichen sich immer wieder.

Die Autorin zeigt das in eindringlichen Szenen auf. Sie bleibt dicht bei ihren Figuren und erzählt ergebnisorientiert immer von den Menschen aus. Es geht ihr darum zu zeigen, wie die geänderte politische Lage das soziale Miteinander beeinflusst, prägt und letzten Endes spaltet. Rasant gleiten wir in kurzen, eindringlichen Kapiteln durch die Zeit. Den größten Raum nimmt die Zeit des beginnenden Nationalsozialismus mit dem Zweiten Weltkrieg ein. Profiteure, Kriegsgewinnler, Opportunisten, Spitzel und Deserteure, Hunger und Not, Deportationen und Enteignungen spiegeln ein grausames Szenario wider. Mit dem verlorenen Krieg werden die Sudetendeutschen enteignet und teilweise brutal aus dem Land vertrieben. Am Ende landet Anezka in Bayern, wo man sie und ihre Lieben abfällig „Böhmacken“ nennt.

Der Roman liest sich spannend. Es gibt reichlich Handlung, so dass man einen interessanten Abriss der Deutsch-Tschechoslowakischen Geschichte bekommt. Die ständigen Perspektivwechsel beleuchten beide Seiten, bringen aber auch eine gewisse Sprunghaftigkeit mit sich. Horackowa erzählt geradlinig und schnörkellos. Manche Charaktere wirken dadurch wie Scherenschnitte, sie haben kaum Facetten und zeigen wenig Innensicht.

Diese fehlende Figurentiefe führt dazu, dass die reinen Fakten, die die Verwerfungen in Monarchie, Republik und Diktatur mit sich bringen, viel stärker in den Vordergrund rücken und nachwirken. Es gibt kaum Pufferzonen oder Ablenkungen, abgesehen von ein paar humorvollen Szenen und Dialogen.

Übertriebener Nationalstolz führt offenbar immer ins Verderben. Für mich war es lehrreich, die Geschichte des Nationalsozialismus noch einmal aus einer für mich neuen Perspektive zu lesen. Die Autorin bemüht sich um eine neutrale Position, indem sie das Schicksal der beiden Familien rekonstruiert, sich aber jeglicher persönlichen Bewertung enthält.

„Geteiltes Haus“ ist ein Roman, der eine breite Leserschaft ansprechen sollte. Er erscheint genau zum richtigen Zeitpunkt, zur Frankfurter Buchmesse 2026, bei der Tschechien das Gastland sein wird. Sophia Marzolff ist für die Übersetzung aus dem Tschechischen verantwortlich.