Deutsch-tschechische Familiensaga mit zeitgeschichtlichem Hintergrund

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federfee Avatar

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Über 800 Seiten, eine überwältigende, überbordende Fülle, ‘Lektionen’ in Geschichte, aufgepeppt durch persönliche Schicksale.

Benetzko im Riesengebirge, einst Heimat der Sudetendeutschen, die dort mit Tschechen friedlich zusammenlebten - sich ‘ein Haus teilten’ - bis nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg schon bald nationalistischen Tendenzen auftraten, der Nationalsozialismus erstarkte und bleibende Schäden anrichtete, die tschechische Bevölkerung tyrannisierte, die dann nach dem verlorenen Krieg den Spieß umdrehte, Rache ausübte und letztendlich die Sudetendeutschen für immer aus ihrer Heimat vertrieb.

Im anfangs archaisch wirkenden Bergdorf lebten Tschechen und Deutsche zusammen, es wurden beide Sprachen gesprochen und untereinander geheiratet. Es waren mir anfangs ein wenig zu viele Personen, wobei aber ein Verzeichnis hinten im Buch ein wenig Klarheit verschaffte.

Die Hauptpersonen stammen mehrheitlich aus den Familien Hollmann (deutsch) und Honců (tschechisch). Die beiden Mädchen Anežka und Zdenka sind Freundinnen und bleiben es ein Leben lang, trotz rivalisierender Liebschaften, Nachkommen mit unklarer Herkunft und letztendlich der Vertreibung.

Besonders die Mitglieder der Familie Hollmann stellen sehr unterschiedliche Typen dar: die bösartige Großmutter, der prügelnde und wildernde Vater, Vinzenz, der Nationalsozialist und Mitläufer, der schon als Kind geschäftstüchtige Hans, der sich später als Frauenheld hervortut und sich nicht nur in diesem Bereich nimmt, was er will, sondern schlimmer noch, der nur seine Geschäfte und Fabriken kennt, sich zum ausbeuterischen Profiteur entwickelt, der sich jüdisches Eigentum aneignet und noch nicht mal ein schlechtes Gewissen hat.

Aber es gibt auch positiv besetzte Figuren: die Mutter Amalie Hollmann, die meint, man solle die Nationalitäten abschaffen und in Formulare ‘Gebirgler’ schreiben. Oder ihr Sohn Emil, der einen deutschen Namen hat, aber ‘ein tschechisches Herz’. So ähnlich äußert sich auch Anežkas Vater, der deutsche Bürgermeister Braun: ‘‘Ich wache morgens als Tscheche auf und gehe abends als Deutscher zu Bett.’ (43)
Es gibt eine Fülle weiterer Personen, die das Geschichtliche für den Leser erfahrbar machen: den Ersten Weltkrieg mit seinen Grausamkeiten, die Eskalation des National-Sozialistischen während der Ersten und Zweiten Tschechischen Republik: Hakenkreuzschmierereien, Hitlerreden, Provokationen der Tschechen. KZs werden eingerichtet, Juden enteignet und vertrieben und schließlich die Annexion tschechischer Gebiete. Das wird hier besonders durch den Titel verdeutlicht ‘Geteiltes Haus’, denn die Risse gingen nicht nur durch Familien, Freundschaften und Nachbarschaften, sondern auch durch das Dorf Benetzko.

Kurz erwähnt werden die schrecklichen Folgen des noch andauernden Krieges: entstellte Flieger im Lazarett oder die Flucht der Ostpreußen vor den Russen über die zugefrorene Ostsee.

Nach Kriegsende kehren sich die Verhältnisse um: jetzt müssen sich die Deutschen fürchten, die Tschechen übernehmen, schließlich Vertreibung, Verlust der Heimat und allen Besitzes. ‘Jetzt kriegen sie die Rechnung’ (692). Die Tschechin Terezie fragt, was Frauen und Töchter damit zu schaffen hätten. ‘Muss man alles mit gleicher Münze heimzahlen? So nimmt es doch niemals ein Ende.’ (693)

Aber auch die üblichen Rechtfertigungen werden thematisiert: ‘Wir können nichts dafür, es war die Gestapo.’ (721). Der zutreffende Einwand, auch jetzt wieder aktuell: ‘Verstehen Sie denn nicht, dass sie es sind, die das ermöglicht haben … Sie haben ihn gewählt, und sie haben ihn unterstützt.’

Die Autorin Alice Horáčková, 1980 in Prag geboren, hat hier mit Hilfe von Fotos und nach Archivrecherchen die Geschichte der eigenen Familie erzählt.

Fazit
Eine vom Stil her leicht lesbare, aber ein wenig zu übervolle, historisch untermauerte Familiensaga, die die Hintergründe und Zusammenhänge der Vertreibung der Sudetendeutschen deutlich macht, große Politik an den Personen eines kleinen Dorfes verdeutlicht.