Tschechisch- deutsche Geschichte erlebbar gemacht

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Der Gastlandauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse dieses Jahr führt dazu, dass über hundert tschechische Bücher ins Deutsche übersetzt werden. Das ist erfreulich, denn so können deutsche Leser und Leserinnen viele literarische Entdeckungen machen. Eine davon ist dieses wunderbare Epos, eine Familiengeschichte über mehrere Generationen.
Die 1980 geborene tschechische Autorin Alice Horáčková hat die Geschichte ihrer Vorfahren zu einem äußerst lesenswerten Schmöker - im besten Sinne des Wortes - verarbeitet. Dafür hat sie an die zehn Jahre recherchiert, in Archiven, in Gemeinde- und Pfarrchroniken, und mit Zeitzeugen gesprochen
Die Handlung erstreckt sich über fünf Jahrzehnte, von der K.-u.-K.-Monarchie bis Ende der 1940er Jahre. Schauplatz ist vorwiegend das kleine Bergdorf Benetzko im westlichen Siebengebirge, im tschechisch - deutschen Grenzgebiet. Knapp ein Fünftel der Bevölkerung im Dorf sind Deutsche.
Jahrhundertelang lebten Deutsche und Tschechen friedlich zusammen. Doch nach dem Niedergang der Habsburger Monarchie am Ende des Ersten Weltkriegs kommt es zu ersten Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen. Mit der Annexion des Sudetenlandes 1938 durch die Nationalsozialisten beginnt die brutale Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung. Die rächt sich nach der Befreiung 1945, in dem sie mehr als drei Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei vertreibt.
Das ist der historische Hintergrund, vor dem dieser Roman spielt.
Im Zentrum stehen die beiden Freundinnen Zdenka und Anežka, die eine ist Tschechin, die andere Deutsche, beide wachsen hier zusammen auf. Die Freundschaft der Frauen überdauert Krisen, Krieg und Vertreibung, auch persönliche Differenzen. Zu einer ersten Bewährungsprobe kommt es, als Anežka Hans Hollmann heiratet, den Mann, den Zdenka schon lange liebt und von dem sie ein Kind hat. Zdenka heiratet daraufhin Vinzenz Hollmann, einen Bruder von Hans.
Neben den beiden eigenwilligen Frauen und der Hollmann-Sippe bevölkern noch zahlreiche andere Figuren den Roman, so z.B. der neue tschechische Dorflehrer Alois Tomek, der an einer Dorfchronik arbeitet.
Gerade weil die Autorin ihren Fokus auch mal weg von den Hauptfiguren lenkt, bekommt man einen sehr detaillierten und vielfältigen Eindruck der Verhältnisse.
Interessant ist vor allem, ob und wie sich die Charaktere unter dem Einfluss der NS-Herrschaft verändern. Da gibt es die strammen Mitläufer wie Vinzenz oder die Nutznießer wie Hans, der von den neuen Verhältnissen finanziell profitiert. Er ist der typische Opportunist, der die Gunst der Stunde nutzt.
Das gesamte dörfliche Gefüge zerbricht unter den veränderten Bedingungen. Menschen, die zuvor friedlich miteinander gelebt hatten, werden plötzlich zu Feinden. Ein Riss geht nicht nur durch das Dorf, sondern spaltet auch die Familien.
Die Autorin entfaltet ihre Geschichte auf beinahe 900 Seiten, von denen mir keine zu viel war. Sie erzählt linear und chronologisch, in zahlreichen kurzen Kapiteln, die unterschiedlichen Figuren folgen. Eingerahmt wird die Handlung von einem Briefwechsel zwischen den beiden Freundinnen. Anežka schreibt aus Bayern, wohin sie vertrieben wurde an Zdenka, die noch immer in Benetzko lebt.
Alice Horáčková erzählt anfangs von den dörflichen Strukturen, vom Alltag der Dorfbewohner, von den Sitten und Gebräuchen, von alten Mythen und natürlich von den Eigenheiten der Charaktere und ihren Beziehungen untereinander. Dabei gelingt es ihr, alle Fäden souverän in der Hand zu behalten und nie die Übersicht über ihr großes, fein herausgearbeitetes Figurenensemble zu verlieren. Hilfreich für den Lesenden ist das angehängte Personenverzeichnis, das man aber nur anfangs benötigt. Die Charaktere werden so plastisch und lebendig beschrieben, dass man mit Interesse und Empathie ihre Lebenswege verfolgt.
Im Laufe der Handlung wird aber das Poltische immer bedeutsamer und hat auch ganz konkrete Auswirkungen auf die Figuren. Die Autorin macht diese historischen Veränderungen immer auf der persönlichen Ebene erfahrbar. Da wirkt nichts dozierend oder aus Wikepedia abgeschrieben, sondern alles wird organisch in die Schicksale der Figuren eingebunden.
Fazit:
„Geteiltes Haus“ ist ein detailreicher, unterhaltsamer Roman, der gekonnt Privates mit Politischem verknüpft und dabei ein wichtiges Kapitel tschechisch - deutscher Geschichte lebendig werden lässt.
Gleichzeitig zeigt uns das Buch lehrstückmäßig , wie innerhalb einer Gemeinschaft plötzlich das Trennende bestimmend wird, so dass ein friedvolles Zusammenleben unmöglich ist.