Ein Fenster in die Vergangenheit
Schon von der Seitenzahl her hält man da ein wahres opus magnum in den Händen, doch die Autorin macht es einem nicht unnötig schwer. Ich habe es sehr genossen, seit langem einmal wieder in einem strikt chonologisch erzählten Roman dem Lauf der Zeit ohne Vorausdeutungen und Rückblenden folgen zu können.
Das Thema ist bekannt, an der Materie Interessierte haben reiche Auswahl an Sachbüchern, Biografien und Belletristik über die Geschichte des Sudetenlands im 20. Jahrhundert. So gewaltig und nachhaltig waren die Konflikte, dass keiner der Betroffenen zu einer objektiven, abgeklärten Schilderung in der Lage sein könnten. Freilich spricht die Autorin als tschechische Staatsbürgerin aus ihrer eigenen Perspektive, aber "sine ira et studio". Die Danksagungen am Ende belegen die wohlrecherchierte historische Authentizität.
In kurzen Kapiteln, denen sie zunächst rätselhafte Überschriften verleiht, beleuchtet sie mosaikartig signifikante Szenen aus dem Leben zweier Familien und ihrem Umfeld des tatsächlich existierenden Dorfs Benetzko im Riesengebirge, die jeweils die sich seit dem Nationalsozialismus befehdenden Bevölkerungsgruppen verkörpern und dabei eng miteinander verflochten sind, teils durch Freundschaft, teils durch Liebschaften, deren Dynamiken eine ungewöhlich starke Rolle spielen. Die familiären Verwicklungen verflicht sie mit den konfusen Zeitumständen beim Niedergang des Habsburgerreichs vor dem Ersten Weltkrieg, der Katastrophe des Nationalsozialismus, im Zweiten Weltkrieg eskalierend, endend mit der Rache und Vertreibung bis ins Jahr 1948 hinein.
Gravierende historische Eckpfeiler wie die Revolution und Staatsgründung, die Machtergreifung, die Judenverfolgung, die Bombardierung Dresdens oder die Beneš-Dekrete bilden eine als bekannt vorausgesetzte Kulisse, vor der Horáčková konsequent die Auswirkungen auf die einzelnen Menschen behandelt, in exemplarischen Szenen ohne Larmoyanz und Schockeffekte: so lässt sie einfach die Tatsachen für sich sprechen. Dabei kommen bedeutsame Details zur Sprache, die mir plastisch vor Augen führen, wie die Enteignung der Juden verwaltungs- und finanztechnisch abgewickelt wurde, wie man bei der Volksabstimmung über die Nationenzugehörigkeit manipulierte, wie auch die einheimischen Deutschen beim Näherrücken der Front Flüchtlinge aus dem Osten ablehnten, bevor sie selbst ihre Koffer packen mussten, und wie sofort nach dem Krieg eine Welle der Verleugnung ihrer Untaten einsetzte. Alle möglichen Charaktere prallen da aufeinander: Fanatiker, Widerständler, Opportunisten, Verzweifelte, Feiglinge.
Das Ganze schreibt sie in kleinen Einheiten, pointiert mit Binnenspannung, ohne sprachliche Fisimatenten und vordergründig wertneutral. Aus den subtilen Formulierungen kann man sich selbst das Passende zusammenreimen. Ich habe dieses ungemein inhaltsreiche Werk mit großem Interesse und Erkenntnisgewinn gelesen.
Das Thema ist bekannt, an der Materie Interessierte haben reiche Auswahl an Sachbüchern, Biografien und Belletristik über die Geschichte des Sudetenlands im 20. Jahrhundert. So gewaltig und nachhaltig waren die Konflikte, dass keiner der Betroffenen zu einer objektiven, abgeklärten Schilderung in der Lage sein könnten. Freilich spricht die Autorin als tschechische Staatsbürgerin aus ihrer eigenen Perspektive, aber "sine ira et studio". Die Danksagungen am Ende belegen die wohlrecherchierte historische Authentizität.
In kurzen Kapiteln, denen sie zunächst rätselhafte Überschriften verleiht, beleuchtet sie mosaikartig signifikante Szenen aus dem Leben zweier Familien und ihrem Umfeld des tatsächlich existierenden Dorfs Benetzko im Riesengebirge, die jeweils die sich seit dem Nationalsozialismus befehdenden Bevölkerungsgruppen verkörpern und dabei eng miteinander verflochten sind, teils durch Freundschaft, teils durch Liebschaften, deren Dynamiken eine ungewöhlich starke Rolle spielen. Die familiären Verwicklungen verflicht sie mit den konfusen Zeitumständen beim Niedergang des Habsburgerreichs vor dem Ersten Weltkrieg, der Katastrophe des Nationalsozialismus, im Zweiten Weltkrieg eskalierend, endend mit der Rache und Vertreibung bis ins Jahr 1948 hinein.
Gravierende historische Eckpfeiler wie die Revolution und Staatsgründung, die Machtergreifung, die Judenverfolgung, die Bombardierung Dresdens oder die Beneš-Dekrete bilden eine als bekannt vorausgesetzte Kulisse, vor der Horáčková konsequent die Auswirkungen auf die einzelnen Menschen behandelt, in exemplarischen Szenen ohne Larmoyanz und Schockeffekte: so lässt sie einfach die Tatsachen für sich sprechen. Dabei kommen bedeutsame Details zur Sprache, die mir plastisch vor Augen führen, wie die Enteignung der Juden verwaltungs- und finanztechnisch abgewickelt wurde, wie man bei der Volksabstimmung über die Nationenzugehörigkeit manipulierte, wie auch die einheimischen Deutschen beim Näherrücken der Front Flüchtlinge aus dem Osten ablehnten, bevor sie selbst ihre Koffer packen mussten, und wie sofort nach dem Krieg eine Welle der Verleugnung ihrer Untaten einsetzte. Alle möglichen Charaktere prallen da aufeinander: Fanatiker, Widerständler, Opportunisten, Verzweifelte, Feiglinge.
Das Ganze schreibt sie in kleinen Einheiten, pointiert mit Binnenspannung, ohne sprachliche Fisimatenten und vordergründig wertneutral. Aus den subtilen Formulierungen kann man sich selbst das Passende zusammenreimen. Ich habe dieses ungemein inhaltsreiche Werk mit großem Interesse und Erkenntnisgewinn gelesen.