Ein Stück Zeitgeschichte erlebbar gemacht
Aus Erzählungen Vertriebener und ihrer Nachkommen kennen viele Menschen aus Deutschland und Österreich die Beneš-Dekrete, im Rahmen derer nach dem 2. Weltkrieg mehrere Millionen zur deutschen Volksgruppe gehörende Menschen in der damaligen Tschechoslowakei entschädigungslos enteignet und oft brutal vertrieben wurden, und die formal bis heute in Kraft sind. Damit ging eine lange Zeit des oft friedlichen, gerade am Ende aber sehr konflikthaften Zusammenlebens von deutschsprachigen, tschechischsprachigen und weiteren Volksgruppen in dieser Region zu Ende.
Woher kam dieser enorme Hass auf die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe im eigenen Land, sodass ein gemeinsames, gemischtkulturelles Weiterleben nicht nur unmöglich erschien, sondern auch mit großer Härte selbst gegen Kinder und alte Menschen vorgegangen wurde (was im Buch nur ganz am Rande thematisiert wird)? Dieses Buch zeigt die Hintergründe davon auf und macht verständlich, wie es schließlich zu diesem Ende kam. Passend dazu beginnt das Buch mit einem Brief einer vertriebenen Deutschen aus dem Exil in Deutschland an ihre tschechische Freundin, das Ende wird also schon vorweggenommen.
Die 1980 in Prag geborene Autorin Alice Horáčková hat beim Erforschen ihrer eigenen Familiengeschichte entdeckt, dass sie selbst aus einer gemischt tschechisch-deutschen Familie stammt und Teile ihrer Vorfahren nach 1945 nach Deutschland vertrieben wurden, wo deren Nachkommen bis heute leben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur ihre Familiengeschichte, sondern auch die Lebensumstände der damaligen Zeit detailliert zu recherchieren, um daraus ein lebendiges, zwar grundsätzlich fiktives, aber doch auch auf realen Personen und historischen Geschehnissen basierendes autofiktionales Familienepos zu erschaffen.
Herausgekommen ist dabei ein opulentes Werk von fast 900 Seiten in der gebundenen Ausgabe, das zwar aufgrund seines Umfangs durchaus einiges an Lesezeit benötigt, sich aber durch die kurzen Kapitel und die lebendige, spannende Erzählweise sehr unterhaltsam und kurzweilig liest.
Wir begleiten den Ort Benecko im tschechischen Riesengebirge und seine Einwohnerinnen und Einwohner über die Zeitspanne der österreichischen-ungarischen K.u.k.-Monarchie, den darauffolgenden Ersten Weltkrieg, der das Ende dieser mit sich bringen würde, die Erste und Zweite Tschechoslowakische Republik bis durch den Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung und in die Zeit der Dritte Republik in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg hinein. Das bei weitem längste Kapitel widmet sich dabei der Zeit des Zweiten Weltkrieges, doch auch von den Epochen davor wird ein lebendiges Zeitporträt gezeichnet und es wird spürbar, wie selbstverständlich die Menschen zwischen den Sprachen wechselten, untereinander heirateten, Freundschaften pflegten und friedlich miteinander lebten.
Mir hat es besonders gut gefallen, dass der Roman aus so vielen Perspektiven geschrieben ist und so viele unterschiedliche Personen zu Wort kommen, wodurch er für mich so lebendig und einprägsam erzählt war, dass ich das angehängte Personenregister kaum konsultieren musste und rasch ein Gefühl für die vorkommenden Personen und sozialen Beziehungen vor Ort hatte.
Da gibt es die schöne, unabhängige, freigeistige Zdenka, eine Tschechin und die Urgroßmutter der Autorin, die sich mit mehreren Männern einlässt, mitten im Krieg alleine mit einem Kind dasteht und schließlich doch ihren bisherigen Verlobten Vinzenz aus deutschsprachiger Familie heiratet, dafür aber einen hohen Preis zahlt. Vinzenz wiederum schafft es durch List, Glück, NS-Anhängerschaft und Opportunismus, aus beiden Kriegen einigermaßen unverletzt und vor allem lebendig hervorzugehen. Sein Bruder Hans, ein erfolgreicher Unternehmer, kennt nur sein Geschäft und seinen Erfolg, keinerlei Prinzipien oder Moral, übernimmt bedenkenlos zusätzlich das Unternehmen enteigneter Juden und rechtfertigt das alles auch noch damit, er habe ihnen einen Gefallen getan.
Dann gibt es den Lehrer Tomek, dem seine Schülerinnen und Schüler, aber auch Gerechtigkeit und das Überleben der tschechischen Identität sehr am Herzen liegen, der eine Dorfchronik schreibt und für seine Widerstandstätigkeit lange Jahre im Gefängnis sitzt – der aber auch eine langjährige Liebesaffäre mit Anežka, auf Deutsch Agnes, der Ehefrau des Unternehmers Hans betreibt, wobei auch letztgenannter kein Kind von Traurigkeit ist und diverse Affären hat. Anežka wiederum ist ebenfalls Lehrerin und unterrichtet, obwohl selbst zur deutschsprachigen Volksgruppe gehörend, an der tschechischen Schule.
So sind diese und noch viele weitere Personen nicht nur durch Freundschaften und Ehen, sondern auch noch im Geheimen durch diverse Liebschaften miteinander weit über Volksgruppengrenzen hinaus verbunden.
Und wer ist eigentlich der Vater von Ernst/Arnošt, Zdenkas unehelichem Sohn, und was bedeutet das für dessen Schicksal in einer Zeit, in der es immer wichtiger wird, sich über die eigene Nationalität zu definieren?
Anežka, Tochter des ehemaligen deutschsprachigen Bürgermeisters, und die Tschechin Zdenka, sind schlussendlich durch ihre Heirat mit Brüdern Schwägerinnen, doch gibt es auch so einiges, was sie potentiell trennen kann… wie wird ihre Freundschaft all diese Widrigkeiten überstehen?
Ich habe dieses Buch mit sehr viel Freude, Spannung und Interesse regelrecht verschlungen und habe mich die ganze Zeit sehr nah dran an den handelnden Personen und ihren Schicksalen gefühlt. Die sehr interessante Zeitepoche von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in der Gegend des Riesengebirges, ihre vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen und Zerwürfnisse und deren reale Konsequenzen für all die betroffenen Menschen sind dadurch noch einmal neu und anders für mich erlebbar geworden und ich habe den Eindruck, mir mit diesem Buch – auch wenn es eine fiktionalisierte Geschichte ist – ein Stück mitteleuropäischer Zeitgeschichte noch einmal neu erschlossen zu haben.
Deshalb kann ich dieses Buch allen, die sich für Zeitgeschichte interessieren, aber genauso auch jenen, die einfach gerne ein umfangreiches, aber kurzweiliges, spannend geschriebenes und vielperspektivisches Familienepos lesen, absolut empfehlen, und freue mich auf weitere Bücher dieser talentierten Autorin.
Woher kam dieser enorme Hass auf die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe im eigenen Land, sodass ein gemeinsames, gemischtkulturelles Weiterleben nicht nur unmöglich erschien, sondern auch mit großer Härte selbst gegen Kinder und alte Menschen vorgegangen wurde (was im Buch nur ganz am Rande thematisiert wird)? Dieses Buch zeigt die Hintergründe davon auf und macht verständlich, wie es schließlich zu diesem Ende kam. Passend dazu beginnt das Buch mit einem Brief einer vertriebenen Deutschen aus dem Exil in Deutschland an ihre tschechische Freundin, das Ende wird also schon vorweggenommen.
Die 1980 in Prag geborene Autorin Alice Horáčková hat beim Erforschen ihrer eigenen Familiengeschichte entdeckt, dass sie selbst aus einer gemischt tschechisch-deutschen Familie stammt und Teile ihrer Vorfahren nach 1945 nach Deutschland vertrieben wurden, wo deren Nachkommen bis heute leben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur ihre Familiengeschichte, sondern auch die Lebensumstände der damaligen Zeit detailliert zu recherchieren, um daraus ein lebendiges, zwar grundsätzlich fiktives, aber doch auch auf realen Personen und historischen Geschehnissen basierendes autofiktionales Familienepos zu erschaffen.
Herausgekommen ist dabei ein opulentes Werk von fast 900 Seiten in der gebundenen Ausgabe, das zwar aufgrund seines Umfangs durchaus einiges an Lesezeit benötigt, sich aber durch die kurzen Kapitel und die lebendige, spannende Erzählweise sehr unterhaltsam und kurzweilig liest.
Wir begleiten den Ort Benecko im tschechischen Riesengebirge und seine Einwohnerinnen und Einwohner über die Zeitspanne der österreichischen-ungarischen K.u.k.-Monarchie, den darauffolgenden Ersten Weltkrieg, der das Ende dieser mit sich bringen würde, die Erste und Zweite Tschechoslowakische Republik bis durch den Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung und in die Zeit der Dritte Republik in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg hinein. Das bei weitem längste Kapitel widmet sich dabei der Zeit des Zweiten Weltkrieges, doch auch von den Epochen davor wird ein lebendiges Zeitporträt gezeichnet und es wird spürbar, wie selbstverständlich die Menschen zwischen den Sprachen wechselten, untereinander heirateten, Freundschaften pflegten und friedlich miteinander lebten.
Mir hat es besonders gut gefallen, dass der Roman aus so vielen Perspektiven geschrieben ist und so viele unterschiedliche Personen zu Wort kommen, wodurch er für mich so lebendig und einprägsam erzählt war, dass ich das angehängte Personenregister kaum konsultieren musste und rasch ein Gefühl für die vorkommenden Personen und sozialen Beziehungen vor Ort hatte.
Da gibt es die schöne, unabhängige, freigeistige Zdenka, eine Tschechin und die Urgroßmutter der Autorin, die sich mit mehreren Männern einlässt, mitten im Krieg alleine mit einem Kind dasteht und schließlich doch ihren bisherigen Verlobten Vinzenz aus deutschsprachiger Familie heiratet, dafür aber einen hohen Preis zahlt. Vinzenz wiederum schafft es durch List, Glück, NS-Anhängerschaft und Opportunismus, aus beiden Kriegen einigermaßen unverletzt und vor allem lebendig hervorzugehen. Sein Bruder Hans, ein erfolgreicher Unternehmer, kennt nur sein Geschäft und seinen Erfolg, keinerlei Prinzipien oder Moral, übernimmt bedenkenlos zusätzlich das Unternehmen enteigneter Juden und rechtfertigt das alles auch noch damit, er habe ihnen einen Gefallen getan.
Dann gibt es den Lehrer Tomek, dem seine Schülerinnen und Schüler, aber auch Gerechtigkeit und das Überleben der tschechischen Identität sehr am Herzen liegen, der eine Dorfchronik schreibt und für seine Widerstandstätigkeit lange Jahre im Gefängnis sitzt – der aber auch eine langjährige Liebesaffäre mit Anežka, auf Deutsch Agnes, der Ehefrau des Unternehmers Hans betreibt, wobei auch letztgenannter kein Kind von Traurigkeit ist und diverse Affären hat. Anežka wiederum ist ebenfalls Lehrerin und unterrichtet, obwohl selbst zur deutschsprachigen Volksgruppe gehörend, an der tschechischen Schule.
So sind diese und noch viele weitere Personen nicht nur durch Freundschaften und Ehen, sondern auch noch im Geheimen durch diverse Liebschaften miteinander weit über Volksgruppengrenzen hinaus verbunden.
Und wer ist eigentlich der Vater von Ernst/Arnošt, Zdenkas unehelichem Sohn, und was bedeutet das für dessen Schicksal in einer Zeit, in der es immer wichtiger wird, sich über die eigene Nationalität zu definieren?
Anežka, Tochter des ehemaligen deutschsprachigen Bürgermeisters, und die Tschechin Zdenka, sind schlussendlich durch ihre Heirat mit Brüdern Schwägerinnen, doch gibt es auch so einiges, was sie potentiell trennen kann… wie wird ihre Freundschaft all diese Widrigkeiten überstehen?
Ich habe dieses Buch mit sehr viel Freude, Spannung und Interesse regelrecht verschlungen und habe mich die ganze Zeit sehr nah dran an den handelnden Personen und ihren Schicksalen gefühlt. Die sehr interessante Zeitepoche von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in der Gegend des Riesengebirges, ihre vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen und Zerwürfnisse und deren reale Konsequenzen für all die betroffenen Menschen sind dadurch noch einmal neu und anders für mich erlebbar geworden und ich habe den Eindruck, mir mit diesem Buch – auch wenn es eine fiktionalisierte Geschichte ist – ein Stück mitteleuropäischer Zeitgeschichte noch einmal neu erschlossen zu haben.
Deshalb kann ich dieses Buch allen, die sich für Zeitgeschichte interessieren, aber genauso auch jenen, die einfach gerne ein umfangreiches, aber kurzweiliges, spannend geschriebenes und vielperspektivisches Familienepos lesen, absolut empfehlen, und freue mich auf weitere Bücher dieser talentierten Autorin.