Krieg im Wohnzimmer

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Wenn ich in diesem Jahr nur ein Buch empfehlen dürfte, wäre es dieses. 900 Seiten, drei Generationen, ein Dorf im Riesengebirge, das mal tschechisch, mal deutsch, mal beides gleichzeitig ist und mittendrin die Familie Hollmann, die im Kleinen genau das durchlebt, was die Geschichte im Großen anrichtet. Horáčková erzählt von der Monarchie bis in die Nachkriegszeit, wechselt dabei ständig die Perspektive: mal ein Wilderer, mal ein Textilhändler, mal ein Postbote, der täglich kilometerweit durch die Berge stapft.
Die Vorlage ist ihre eigene Familie. Nach 1945 wurde ein Teil vertrieben, ein Teil blieb, und irgendwo dazwischen findet sich einer, der Fabrikant und mit den falschen Leuten befreundet war. Persönlicher geht Geschichte kaum.
Was mich von der ersten Seite an gepackt hat war die Sprache. Man spürt in jeder Zeile, wie viele echte Dorfgeschichten, wie viele persönliche Gespräche und Archivbesuche hier eingeflossen sind; und trotzdem liest sich das Ganze nie nach Geschichtsbuch, sondern wie der beste Klatsch über die Nachbarn, nur eben mit Weltkrieg im Hintergrund. Die kurzen, pointierten Kapitel ziehen einen von Schicksal zu Schicksal und man merkt gar nicht, wie die Seiten verfliegen.
Über zwanzig Hauptfiguren, und trotzdem verliert man nie den Faden, weil jede einzelne so plastisch und eigen gezeichnet ist, dass man sie sofort vor sich sieht. Wie Tschechen und Deutsche im selben Dorf heirateten, sich beim Heuwenden halfen und sich trotzdem gegenseitig beschimpften, wie die Frage, welche Sprache man bei der Volkszählung angibt, plötzlich über Leben und Tod entscheiden konnte; das ist so konkret, so unprätentiös und so warmherzig erzählt, dass die „große“ Geschichte hier zum ersten Mal nicht wie ein Schulbuchkapitel wirkt, sondern wie etwas, das der eigenen Großmutter hätte passieren können.
Ein Buch, das man verschlingt und danach noch lange mit sich herumträgt, weil es zeigt, dass niemand in dieser Geschichte nur Täter oder nur Opfer war. Große Leseempfehlung!