Menschliche Schicksale machen Geschichte erst wirklich begreifbar

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»Geteiltes Haus« von Alice Horáčková ist ein Roman, bei dem man zunächst meinen könnte, dass Bücher dieser Art heute kaum noch entstehen. Er erzählt von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere von den beiden Weltkriegen, und entfaltet dieses gewaltige historische Panorama aus der Perspektive zahlreicher Figuren und Familien. Gleichzeitig eröffnet die Autorin einen Blick auf diese Epoche, der sich überraschend frisch und eigenständig anfühlt und damit weit über das hinausgeht, was man aus vergleichbaren historischen Romanen bereits kennt.
Vielleicht liegt dies auch daran, dass tschechische Literatur im deutschsprachigen Raum noch immer vergleichsweise selten präsent ist. Gerade dadurch gelingt Alice Horáčková etwas, woran viele Romane dieses Genres scheitern: Sie reiht nicht lediglich bekannte historische Ereignisse aneinander, sondern erschafft ein außergewöhnlich vielstimmiges Gesamtbild, in dessen Mittelpunkt nicht die historischen Fakten selbst stehen, sondern die Menschen, die sie erleben müssen. Mit einem umfangreichen Figurenensemble erfüllt sie zwar die Erwartungen an einen epochenübergreifenden Familienroman, doch gelingt ihr zugleich das Kunststück, den Leser nie den Überblick verlieren zu lassen. Jede Figur ist mit großer Sorgfalt ausgearbeitet, besitzt ihre eigene Stimme, ihre individuellen Hoffnungen und Ängste und entwickelt sich glaubwürdig innerhalb der Handlung. Darüber hinaus sind die Beziehungen zwischen den einzelnen Erzählern organisch miteinander verwoben, sodass keine Figur beliebig oder lediglich funktional erscheint. Vielmehr greifen die verschiedenen Lebenswege ineinander und ergeben ein geschlossenes Bild einer Gesellschaft, die von Krieg, Armut, Angst, Vertreibung und Verlust erschüttert wird, deren Menschen jedoch trotz aller Rückschläge nicht aufhören, an ihrem Leben und ihrer Zukunft festzuhalten.
Besonders beeindruckend ist dabei, wie Horáčková historische Ereignisse niemals isoliert schildert, sondern sie stets aus dem Alltag ihrer Figuren heraus entwickelt. Große politische Umbrüche spiegeln sich in kleinen familiären Entscheidungen, in Freundschaften, Nachbarschaften und Liebesbeziehungen wider. Dadurch gewinnt der Roman eine bemerkenswerte emotionale Nähe, ohne jemals sentimental zu werden. Immer wieder zeigt sich, wie eng persönliche Schicksale mit den gesellschaftlichen Entwicklungen verwoben sind und wie unterschiedlich Menschen auf dieselben historischen Herausforderungen reagieren. Gerade diese Vielstimmigkeit verleiht dem Roman eine besondere Tiefe, weil sie keine einfachen Antworten liefert, sondern Widersprüche, Zweifel und unterschiedliche Perspektiven zulässt. Das macht »Geteiltes Haus« nicht nur zu einem historischen Roman, sondern ebenso zu einer eindringlichen Erzählung über menschliche Standhaftigkeit, Identität und die Fähigkeit, selbst in den dunkelsten Zeiten Hoffnung zu bewahren.
Auch stilistisch geht die Autorin ein bemerkenswertes Wagnis ein. Für einen Roman dieses Umfangs entscheidet sie sich nicht für ausladende Beschreibungen oder epische Ausschmückungen, sondern für eine knappe, rhythmische und ausgesprochen prägnante Sprache. Erzählt wird ausschließlich in kurzen Kapiteln, die häufig nur wenige Seiten umfassen und mitunter beinahe lyrisch wirken. Dennoch transportieren sie eine erstaunliche Fülle an Emotionen, Gedanken und Entwicklungen und treiben die Handlung zugleich konsequent voran. Gerade zu Beginn verlangt diese Erzählweise dem Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Konzentration ab, denn wichtige Details verbergen sich oft in scheinbar beiläufigen Sätzen. Hat man sich jedoch auf diesen Rhythmus eingelassen, entwickelt der Roman einen außergewöhnlichen Sog, der den Leser immer tiefer nach Benetzko im Riesengebirge hineinführt und ihn unmittelbar an den Gedanken und Gefühlen seiner Bewohner teilhaben lässt.
Alice Horáčková gelingt damit der schwierige Spagat, eine tschechisch-deutsche Geschichte zu erzählen, die zwar bekannte historische Muster des 20. Jahrhunderts aufgreift, diese jedoch durch ihre kulturelle Perspektive und vor allem durch ihr tiefes Verständnis für menschliche Beziehungen entscheidend erweitert. Gemeinsam mit der hervorragenden Übersetzung von Sophia Marzolff entsteht so ein Roman, der nicht nur historisch überzeugt, sondern auch literarisch eine außergewöhnliche Qualität besitzt.
Ich selbst kann mich kaum daran erinnern, in den vergangenen Jahren einen derart ausgereiften, eindringlichen und zugleich eigenständigen Roman über den Zweiten Weltkrieg gelesen zu haben. Am ehesten drängt sich noch ein Vergleich mit »Alles Licht, das wir nicht sehen« von Anthony Doerr auf. Dennoch lässt sich »Geteiltes Haus« nur bedingt mit diesem Werk vergleichen, denn ebenso wie Doerr hat auch Alice Horáčková eine ganz eigene literarische Sprache und Erzählweise gefunden, die ihrem Roman innerhalb der gegenwärtigen Literaturlandschaft ein bemerkenswertes Alleinstellungsmerkmal verleiht.
Für den Diogenes Verlag ist »Geteiltes Haus« ein Roman, wie man ihn dort in den vergangenen Jahren etwas vermisst hat: ein literarisches Flaggschiff, ein ambitioniertes Werk und zugleich ein Risiko, das sich in jeder Hinsicht auszahlt. Es würde kaum überraschen, wenn Alice Horáčkovás Roman am Ende zu den bedeutendsten diesjährigen Neuerscheinungen des deutschen Buchmarktes gezählt werden dürfte.