Aufgerieben zwischen Herkunft und Heimat
Workout, Podcast hören, Bett machen, duschen, Outfit finden, arbeiten, Ionas tägliche To-do-Liste ist lang. Zwischendurch News-Apps checken und die Überschriften inhalieren, E-Mails abarbeiten.
Sie wacht vor dem Wecker auf, starrt an die Decke, geht Konzepte und Analysen durch und manchmal stellt sie sich vor, wie sie Christians Gesicht eindrückt, um ihre konkurrenzmotivierte Hassliebe zu unterstreichen.
Tom hat ihr gestern nach 24 Uhr noch eine Anmerkung geschickt, um sie um 7:30 Uhr zu fragen, ob sie die schon umgesetzt hat und selbstverständlich hat sie die Umsetzung um 8:15 Uhr in die Cloud geladen. Im Büro ist sie vor Christian da und hat sich einen Fensterplatz ergattert. Bei seiner Ankunft trifft sein Blick sie von oben nach unten und gibt ihr das sichere Gefühl, für heute gewonnen zu haben. In der Küche setzt sie Kaffee auf. Der Geruch gefällt ihr besser als der Geschmack. Tom kommt rein. Er trägt heute Prada oder Brioni. In drei Stunden will er sich mit ihr bei den Aufzügen treffen, es könne wenige Minuten später werden. Sie ist etwas früher da und beobachtet die sich öffnenden und schließenden Türen. Die Blicke der Fahrgäste ruhen erwartungsvoll auf ihr. Sie schüttelt den Kopf und erntet freundliches Nicken. Das geht so zehn, zwanzig Minuten. Dann fragt eine Stimme hinter ihr: „Gehen wir?“, so als hätte er auf sie gewartet, nicht umgekehrt. Sie steuern die Kantinenschlange an, an die sie sich heute lieber nicht angestellt hätte. Adriana Ciobana steht auf ihrem Namensschild, die hatte erkennbar beobachtet, wie Ioana rumänisch mit ihrer Mutter telefoniert hatte, hoffentlich spricht sie sie jetzt nicht an.
Nachdem sie ihren Vitality-Salat gegessen haben, will Tom wissen, ob sie ihren Cappuccino draußen trinken wollen. Sie will und folgt ihm. Draußen halten sie ihre Gesichter in die Sonne. Tom mit selbsttönenden Brillengläsern für 700 € das Paar, sie mit zusammengekniffenen Augen. Er habe mit Andreas gesprochen. Iona kann das Pochen im Brustkorb nicht kontrollieren.
Hinter zusammengepressten Lippen schlägt sie schnell ein Kreuz mit der Zunge. Oberkiefer, Unterkiefer, linke Wange, rechte Wange. Gott ist immer bei dir, hatte ihre Mutter ihr erklärt. Seite 17
Fazit: Alexandra-Maria Pipos hat mit ihrem Debüt eine Protagonistin zu Wort kommen lassen, die sich zwischen ihrem Herkunftsland Rumänien und der deutschen Selbstoptimierungstendenz aufreibt. Sie ist ihrer Familie um einiges voraus, hat einen Wahnsinnsjob, in dem sie jederzeit verfügbar ist. Die Hierarchie und das Motto „Herrsche und Teile“ treiben sie zu Höchstleistungen. Dann stirbt ihr Großvater in Rumänien und zwingt sie zu einer kurzen beruflichen Auszeit, die unfreiwillig länger wird. Eine Zeit, in der sie gnadenlos die Felle davonschwimmen sieht. Dank der Autorin erlebe ich die Kultur eines Landes, von dem ich so gut wie nichts weiß. Ihre Familie besteht aus Gaunern, Trinkern und Verrätern. Der weibliche Teil frönt einem orthodoxen Glauben, der mit allerlei Ikonen und Bräuchen unterstrichen wird. (Unterhosen und Strümpfe auf links tragen hilft gegen Blasphemie und Verwünschungen). Die Autorin flechtet an einigen Kapitelanfängen als Heilige Verehrte ein, die tatsächlich zur Beschreibung der einflussreichsten Familienmitglieder dienen. Ein schönes Stilmittel. Bei aller Lockerheit im Sprachstil, den ich sehr unterhaltsam und authentisch finde, zeichnet sich im Hintergrund das düstere Bild eines vom Kommunismus gebeutelten Landes ab. Man spricht gerne und ausschweifend über die, die gestorben sind und das wirkt schon ziemlich morbide. Ich kann mir jetzt vorstellen, wie Graf Dracula in den Köpfen dieser melancholischen Menschen sein Unwesen treiben konnte. Ein überraschend unterhaltsamer Roman, den ich sehr gerne gelesen habe.
Sie wacht vor dem Wecker auf, starrt an die Decke, geht Konzepte und Analysen durch und manchmal stellt sie sich vor, wie sie Christians Gesicht eindrückt, um ihre konkurrenzmotivierte Hassliebe zu unterstreichen.
Tom hat ihr gestern nach 24 Uhr noch eine Anmerkung geschickt, um sie um 7:30 Uhr zu fragen, ob sie die schon umgesetzt hat und selbstverständlich hat sie die Umsetzung um 8:15 Uhr in die Cloud geladen. Im Büro ist sie vor Christian da und hat sich einen Fensterplatz ergattert. Bei seiner Ankunft trifft sein Blick sie von oben nach unten und gibt ihr das sichere Gefühl, für heute gewonnen zu haben. In der Küche setzt sie Kaffee auf. Der Geruch gefällt ihr besser als der Geschmack. Tom kommt rein. Er trägt heute Prada oder Brioni. In drei Stunden will er sich mit ihr bei den Aufzügen treffen, es könne wenige Minuten später werden. Sie ist etwas früher da und beobachtet die sich öffnenden und schließenden Türen. Die Blicke der Fahrgäste ruhen erwartungsvoll auf ihr. Sie schüttelt den Kopf und erntet freundliches Nicken. Das geht so zehn, zwanzig Minuten. Dann fragt eine Stimme hinter ihr: „Gehen wir?“, so als hätte er auf sie gewartet, nicht umgekehrt. Sie steuern die Kantinenschlange an, an die sie sich heute lieber nicht angestellt hätte. Adriana Ciobana steht auf ihrem Namensschild, die hatte erkennbar beobachtet, wie Ioana rumänisch mit ihrer Mutter telefoniert hatte, hoffentlich spricht sie sie jetzt nicht an.
Nachdem sie ihren Vitality-Salat gegessen haben, will Tom wissen, ob sie ihren Cappuccino draußen trinken wollen. Sie will und folgt ihm. Draußen halten sie ihre Gesichter in die Sonne. Tom mit selbsttönenden Brillengläsern für 700 € das Paar, sie mit zusammengekniffenen Augen. Er habe mit Andreas gesprochen. Iona kann das Pochen im Brustkorb nicht kontrollieren.
Hinter zusammengepressten Lippen schlägt sie schnell ein Kreuz mit der Zunge. Oberkiefer, Unterkiefer, linke Wange, rechte Wange. Gott ist immer bei dir, hatte ihre Mutter ihr erklärt. Seite 17
Fazit: Alexandra-Maria Pipos hat mit ihrem Debüt eine Protagonistin zu Wort kommen lassen, die sich zwischen ihrem Herkunftsland Rumänien und der deutschen Selbstoptimierungstendenz aufreibt. Sie ist ihrer Familie um einiges voraus, hat einen Wahnsinnsjob, in dem sie jederzeit verfügbar ist. Die Hierarchie und das Motto „Herrsche und Teile“ treiben sie zu Höchstleistungen. Dann stirbt ihr Großvater in Rumänien und zwingt sie zu einer kurzen beruflichen Auszeit, die unfreiwillig länger wird. Eine Zeit, in der sie gnadenlos die Felle davonschwimmen sieht. Dank der Autorin erlebe ich die Kultur eines Landes, von dem ich so gut wie nichts weiß. Ihre Familie besteht aus Gaunern, Trinkern und Verrätern. Der weibliche Teil frönt einem orthodoxen Glauben, der mit allerlei Ikonen und Bräuchen unterstrichen wird. (Unterhosen und Strümpfe auf links tragen hilft gegen Blasphemie und Verwünschungen). Die Autorin flechtet an einigen Kapitelanfängen als Heilige Verehrte ein, die tatsächlich zur Beschreibung der einflussreichsten Familienmitglieder dienen. Ein schönes Stilmittel. Bei aller Lockerheit im Sprachstil, den ich sehr unterhaltsam und authentisch finde, zeichnet sich im Hintergrund das düstere Bild eines vom Kommunismus gebeutelten Landes ab. Man spricht gerne und ausschweifend über die, die gestorben sind und das wirkt schon ziemlich morbide. Ich kann mir jetzt vorstellen, wie Graf Dracula in den Köpfen dieser melancholischen Menschen sein Unwesen treiben konnte. Ein überraschend unterhaltsamer Roman, den ich sehr gerne gelesen habe.