Ein beeindruckendes Debüt mit hohem Anspruch

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nessabo Avatar

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Vor diesem Debüt kann ich nur meinen imaginären Hut ziehen! Alexandra-Maria Pipos schreibt auf literarisch hohem Niveau, verlangt wirklich einiges an Eigeninterpretation von ihren Leser*innen ab und verfällt dabei doch nie in eine elitäre Sprache.

Das erste und letzte Drittel des Romans fand ich dabei deutlich stärker als den Mittelteil. Die ausufernde Schilderung der drei Totenwache-Tage war für mich nämlich einfach zu intensiv. Ich habe mich mit der Beschreibung des Settings, der Gerüche und Geräusche unwohl gefühlt. Beerdigungen und Co. sind eh nicht mein Fall und das ging schon arg an meine Grenze. Das ist sicherlich Geschmacksache, denn einen authentischen Einblick in die Trauertraditionen eines anderen Landes gibt uns dieser Teil des Buches natürlich schon.

Zu Beginn und am Ende geht es wieder mehr um die Protagonistin Ioana, was mir deutlich besser gefallen hat. Sie kämpft sich weit über ihre Kapazitäten hinaus in ihrem Bullshit-Job durch, um die nächste Karrierestufe erklimmen zu können - wird dabei aber spürbar ausgebeutet. Ähnlich ausgenutzt, wenn auch auf andere Art, wird sie von ihrer Familie. Und nicht nur an dieser Stelle steht sie zwischen den Stühlen, sondern auch das Thema der eigenen Identität als Mensch mit Migrationserfahrung wird hier eindrücklich dargestellt.

Überraschend toll fand ich die Ikonen-Kapitel. Hier wird der Geschichte eine auktoriale Perspektive geschenkt. Wir erhalten aus Sicht der Heiligenfiguren, die auf verschiedene Arten die Figuren begleiten, weitere Einblicke in deren Gefühlswelt oder Vergangenheit. Ein klug gewählter Kniff, um das Werk nicht zu komplex zu gestalten und dennoch ein umfassendes Bild zeichnen zu können.

Ebenfalls sehr angenehm: Die Autorin bewertet nicht. Sie lässt Einblicke in Tradition und Kultur, aber auch die Schwierigkeiten des Landes einfließen, ohne sie zu bewerten oder mit anderen zu vergleichen. Ich konnte meinen Horizont erweitern, auch wenn mehr Vorwissen zur Geschichte Rumäniens sicherlich hilfreich gewesen wäre.

Sehr lieb fand ich die familiären Bande, die sich zum Ende hin ausbilden, allerdings kamen die doch auch recht spät und lassen nun vieles offen. Wir erfahren nicht, wie Ioanas Geschichte weitergeht. Ob sie sich von ihrem Job und/oder den Erwartungen ihrer Familie lösen kann, bleibt der Interpretation der Lesenden vorbehalten. Ein offenes Ende, das der Geschichte angemessen ist, mich aber auch nicht völlig zufrieden hinterlässt.

Ich hatte insgesamt schon eine spürbare Enge und Beklemmung beim Lesen, die irgendwann nur noch schwer für mich auszuhalten war und mir die Lektüre auch erschwert hat. Gleichzeitig ist die Autorin literarisch wirklich elegant und gut verständlich unterwegs, wenn es mir auch manchmal im Hin und Her etwas zu chaotisch war. Die stressige Situation Ioanas war deutlich spürbar, dafür haben die Ikonen-Kapitel etwas Ruhe reingebracht.

Ein beeindruckendes Werk mit hohem Anspruch, das ich vor allem Menschen empfehle, die gern selbst interpretieren und beim Lesen gefordert werden möchten.