Ein Leben im Stress

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
ryria Avatar

Von

Dieses Buch ist vermutlich das genaue Gegenteil von den momentan so beliebten Cozy Romanen: Statt gemütlicher Szenen wird man direkt vom Arbeitsstress begrüßt, der neue Großkunde soll zufriedengestellt werden, die Präsentation ist noch nicht fertig, die Meetings rufen. Mitten drin ist Ioana, fest entschlossen, die Karriereleiter um jeden Preis weiter zu erklimmen. Da kommt der Tod ihres Großvaters ihr natürlich ziemlich in die Quere, vor allem, weil die Beerdigung in ihrem Geburtsland Rumänien stattfindet.
Die Autorin hat es viel zu gut geschafft, diese extrem ungesunde Arbeitsatmosphäre einzufangen, immer wieder war sogar ich beim Lesen mit gestresst, obwohl ich ja eigentlich bequem auf dem Sofa sitze. Gleichzeitig diente es auch als gute Erinnerung daran, dass Arbeit nicht alles im Leben ist.

Der andere große Themenkomplex umfasst das Leben als Mensch mit Migrationshintergrund und die rumänischen Wurzeln. Hier scheint die Autorin auch ihre eigenen Erfahrungen verwendet zu haben, es wirkte alles sehr authentisch.
Ioana berichtet von der Last, als Kind für die Eltern übersetzen zu müssen, von der auf einmal fremd erscheinenden Heimat, von den kulturellen und finanziellen Unterschieden und vielem mehr.
Das Ganze geschieht in Vergangenheitsabschnitten, die sich aber sehr natürlich in den Text einfügen, oft z.B. als Erinnerungen an die Kindheit.
Auch das Leben in Rumänien wird auf interessante Weise dargestellt, man erfährt viel über den (Aber-)Glauben, die Kultur und die Entwicklung der Lebensumstände.
Immer wieder wird auch eine ungewöhnliche Erzählperspektive verwendet: Wir erleben die Handlung oder Rückblenden durch die Augen von den Heiligen auf Ikonen. Dies ermöglicht spannende Einblicke in die Familiengeschichte und all das, was sonst halt hinter verschlossenen Türen geschieht.
Ich mochte den Einblick in Ioanas Leben und Rumänien sehr, allerdings war es nicht immer ganz einfach zu lesen, bedingt durch die unangenehmen und stressigen Themen, aber auch durch die teilweise offene und vage Erzählweise. Trotzdem war es auf jeden Fall eine sehr interessante und lesenswerte Geschichte.