Potenzial wird nicht ausgeschöpft

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„Gib mir alles“ ist ein Roman über Druck im Berufsleben und innerhalb der Familie.

Die Familie von Johanna, eigentlich Ioana, hat den Weg nach Deutschland geschafft. Die Integration ist schwer, doch Ioana wächst mit dem Glauben auf, dass viel Fleiß zum Erfolg führt, und arbeitet dafür hart in einem Job, den sie sich als Kind wohl nie erträumt hätte. In einer von Männern dominierten Branche, in der alles ein Konkurrenzkampf ist. Die Darstellung wirkte authentisch und ich konnte Ioanas Gedanken und Gefühle gut nachvollziehen. Meine Erwartungen an den Klappentext wurden erfüllt. Doch in fast jedem Aspekt des Buches fehlte mir am Ende eine klare Botschaft.

Sobald Ioana mit ihrer Familie in der Heimat konfrontiert wird, merkt man, wie sich ihre Denkweise langsam verschiebt. Ob sich ihr Lebensstil dadurch ins Gesunde verändert, gleich bleibt oder sich sogar negativ entwickelt, bleibt offen. Ein offenes Ende wird mich vermutlich nie ganz erreichen, denn ich möchte etwas aus Büchern mitnehmen und nicht selbst die Botschaft zusammensetzen. Besonders enttäuschend fand ich, dass Ioana nicht für sich einsteht, als ihr Unrecht widerfährt, obwohl sie es beweisen könnte. Ein deutlicher Dämpfer für mich.

Der zweite Aspekt ist Ioanas Familie. Wir erleben Familiendynamiken, die geprägt sind von altbackenen und religiösen Denkweisen. Gerade die religiöse Fixierung zieht sich durch Ioanas Leben. Mehrere Interludes aus Sicht der sogenannten Ikone begleiten die Geschichte auf einzigartige Weise. Sie haben Ioana und ihre Familie über Generationen hinweg beobachtet und wissen vieles. Die Idee fand ich sehr gelungen.

Auch die Lebensgeschichten einzelner Familienmitglieder werden kurz beleuchtet und betreffen Ioana teilweise. Doch auch hier blieb für mich unklar, was sie daraus mitnimmt.

Insgesamt hatten alle Aspekte Potenzial. Erfolgsdruck, Druck als Immigrantin und familiärer Druck sind interessante Themen. Jedoch blieb das Potenzial hinter meiner Erwartung zurück. Positiv hervorzuheben sind die humorvolle, teils düstere Erzählweise und der flüssige Schreibstil.