„Să vă ia dracu.“ (Dass euch der Teufel hole)

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thomsen_ Avatar

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„Was bleibt, wenn du niemanden mehr beeindrucken musst?“ Diese Frage steht auf dem Buchrücken von Alexandra-Maria Pipos’ Debütroman Gib mir alles. Nach der Lektüre finde ich, dass sie ziemlich genau trifft, worum es in diesem Roman geht.
Ioana arbeitet als Consultant in Deutschland, arbeitet zu viel, schläft zu wenig und versucht gleichzeitig, den Erwartungen ihrer rumänischen Familie gerecht zu werden. Als ihr Großvater stirbt und sie zur Beerdigung nach Rumänien reist, gerät dieses mühsam aufgebaute Leben ins Wanken. Dabei geht es weniger um den oft bemühten Spagat zwischen zwei Kulturen als um die Frage, wer Ioana eigentlich sein möchte, wenn sie nicht ständig versucht, die Erwartungen anderer zu erfüllen.
Besonders gelungen fand ich, wie ähnlich sich Familie und Arbeitswelt dabei manchmal sind. Zu Hause soll Ioana dankbar sein, sich kümmern und niemanden enttäuschen. Im Beruf soll sie funktionieren, verfügbar sein und keine Schwäche zeigen. Irgendwann braucht es niemanden mehr, der Druck auf sie ausübt. Das erledigt sie längst selbst.
Ioanas Mutter hat für ihr Leben in Deutschland vieles zurückgelassen. Beruf, Freunde, Familie.
„Was allerdings in ihren kleinen Koffer gepasst hat, war die Vorstellung, wie die Dinge zu sein hatten.“

Darin steckt viel von dem, was Pipos erzählen möchte. Die Eltern haben ihre Heimat verlassen, aber nicht alle Regeln, Erwartungen und Ängste. Und einiges davon geben sie an ihre Kinder weiter.
Auch die Geschichte der drei Brüder Nicu, Mihai und Radu führt dieses Thema weiter. Es geht um Verrat, Schuld und die rumänische Vergangenheit. Leider kommt hier auch die sprechende Ikone immer stärker zum Einsatz. Anfangs mochte ich diese ungewöhnliche Idee. Später wurde sie mir zu sehr zur Erklärerin, die Familiengeschichte und Zusammenhänge aus dem Off nachliefert.
Das ist auch mein größter Kritikpunkt am Roman: Pipos erklärt zu viel. Manche Gedanken sind wirklich gut, werden aber noch einmal ausgesprochen, obwohl die Geschichte sie längst gezeigt hat. Ich hätte mir gewünscht, dass sie ihren Figuren und ihren Lesern an diesen Stellen etwas mehr vertraut.
Dazu kommt, dass Gib mir alles für meinen Geschmack zu viel auf einmal tragen möchte. Migration, familiäre Erwartungen, Leistungsdruck, psychische Probleme, Religion, Schuld, Verrat, Krankheit, Tod und die rumänische Vergangenheit. Irgendwann wurde mir der Roman zu dicht und zu schwer. Ioanas trockener, manchmal ziemlich böser Humor lockert vieles auf und hat mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht. Trotzdem hätte dem Buch an einigen Stellen weniger einfach gutgetan.
Auch sprachlich bin ich nicht ganz überzeugt. Pipos hat gute Dialoge, eine Hauptfigur mit eigener Stimme und einzelne Sätze, die hängen bleiben. Dazwischen ist die Sprache aber häufig eher funktional, und sobald der Roman seine eigenen Themen erklärt, wird sie mir stellenweise zu ausführlich.
Trotz meiner Kritik habe ich einiges aus diesem Buch mitgenommen. Denn Gib mir alles ist für mich gerade kein einfacher Roman über eine junge Frau zwischen zwei Kulturen. Viel interessanter ist die Frage, welche Erwartungen wir von unseren Eltern und Großeltern übernehmen und wie schwer es sein kann herauszufinden, welche davon überhaupt noch zu unserem eigenen Leben gehören.
Vielleicht passt deshalb auch Ioanas rumänischer Fluch so gut als Überschrift: „Să vă ia dracu.“ – „Dass euch der Teufel hole.“ Irgendwann muss sie aufhören, es allen recht machen zu wollen.
Ein interessantes und ambitioniertes Debüt, das mir mit etwas weniger Themen und etwas weniger Erklärungswillen wahrscheinlich noch besser gefallen hätte.
3,5 von 5 ⭐