Sehr mitreißend

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herbstwindtraum Avatar

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Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn Leistung, Erfolg und die Erwartungen anderer nicht mehr tragen? Dieser Frage folgt Alexandra-Maria Pipos in ihrem Roman über Ioana, eine junge Frau, die versucht, zwischen beruflichem Aufstieg, familiären Erwartungen und ihrer eigenen Identität ihren Platz zu finden.

Von Anfang an wird deutlich, wie sehr Ioana in zwei unterschiedlichen Welten lebt. Da ist ihr Leben in der Arbeitswelt einer Beratungsgesellschaft, in der Erfolg, Anerkennung und permanente Leistungsbereitschaft zählen. Ihr Alltag scheint fast ausschließlich aus Projekten, Präsentationen und dem nächsten Karriereschritt zu bestehen. Gleichzeitig steht die Welt ihrer Familie, geprägt durch die rumänische Herkunft ihrer Eltern, andere Werte, Traditionen und eine starke Verbundenheit untereinander. Der Roman zeigt eindrücklich, wie schwierig es sein kann, zwischen diesen verschiedenen Lebensentwürfen eine eigene Position zu finden.

Als Ioana nach dem Tod ihres Großvaters nach Rumänien reist, treffen diese beiden Welten unmittelbar aufeinander. Während sie eigentlich bei ihrer Familie sein sollte, bleibt sie gedanklich und praktisch weiterhin in ihrer Arbeitswelt gefangen. Der Druck, den entscheidenden Pitch zu gewinnen und beruflich voranzukommen, begleitet sie sogar während der Trauerfeierlichkeiten. Dadurch entsteht eine beklemmende Spannung: Man spürt früh, dass das sorgfältig aufgebaute Leben der Protagonistin irgendwann ins Wanken geraten muss bzw. gerade schon dabei ist, zusammenzubrechen.

Besonders interessant ist Ioanas ambivalentes Verhältnis zu ihrer Herkunft. Einerseits distanziert sie sich von den religiösen Traditionen und Ritualen ihrer Familie und betrachtet vieles mit Skepsis. Andererseits wird immer deutlicher, dass diese Vergangenheit ein unverzichtbarer Teil ihrer eigenen Geschichte ist. Die eingeschobenen Kapitel aus der Perspektive verschiedener Heiligen-Ikonen, die der Familie in ihrem Alltag zuschauen, erweitern den Roman um eine besondere Erzählebene. Sie stehen für die religiöse Welt der Familie und werfen gleichzeitig Fragen nach Identität, Erinnerung und Zugehörigkeit auf.

Die Atmosphäre des Romans verdichtet sich zunehmend. Hinter scheinbar alltäglichen Situationen liegen unausgesprochene Konflikte, alte Verletzungen und Familiengeheimnisse. Immer stärker entsteht das Gefühl, dass etwas verborgen bleibt, das schließlich ans Licht kommen muss. Besonders gelungen ist dabei die Darstellung der Erwartungen, die Menschen an sich selbst und aneinander stellen: die Erwartungen der Familie, der Gesellschaft und letztlich auch die eigenen Ansprüche.

Ioanas Geschichte ist auch eine Geschichte über das Aufwachsen als Tochter von Einwanderern und über die Frage, wie man mit verschiedenen kulturellen Prägungen umgeht. Der Roman zeigt, dass Herkunft nicht einfach abgelegt werden kann, sondern immer Teil der eigenen Identität bleibt, auch dann, wenn man sich bewusst davon entfernt.

Alexandra-Maria Pipos schreibt eindringlich und mit einem guten Gespür für die innere Zerrissenheit ihrer Hauptfigur. Die Mischung aus familiärer Geschichte, gesellschaftlichen Fragen und psychologischer Entwicklung macht den Roman zu einer intensiven Lektüre. Besonders im Verlauf der Handlung entwickelt das Buch einen starken Sog: Die Spannung nimmt immer weiter zu, sodass man unbedingt wissen möchte, welche Geheimnisse noch ans Licht kommen und wie Ioana mit den Veränderungen umgehen wird.