Selbstoptimierung neben dem Sarg

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Es sind zwei Pole, und sie ziehen und zerren an ihr.
Zum einen die Arbeit: Consulting-Firma, die High-Performer und Überstunden en masse erwartet. Todesfall in der Familie? Bitte nimm den Laptop mit.
Zum anderen: die Familie. Daheim, in Rumänien. Die Arbeit zwar hochhalten, aber die Familie noch höher.


Zwischen diesen beiden Polen steckt Protagonistin und Ich-Erzählerin Ioana. Oder Johanna, wie sie in Deutschland heißt. Bildungsaufsteigerin, ehrgeizig, immer erreichbar und längst daran gewöhnt, dass gut sein nicht reicht. Sie muss besser sein, mehr leisten und mehr aushalten. Mehr geben. Auch finanziell, denn von ihrem Gehalt lebt nicht nur sie.

Wie wenig Platz dazwischen noch für sie selbst bleibt, zeigt sich spätestens, als ihr Großvater stirbt. Ioana fliegt nach Rumänien, zurück zu ihren Wurzeln, zumindest theoretisch. Dort angekommen merkt sie ziemlich schnell, wie wenig dieses „Zurück“ eigentlich passt. Die Beerdigungsrituale sind ihr fremd, die Frömmigkeit irritiert sie, die Großfamilie fordert und urteilt, hat aber gleichzeitig wenig Probleme damit, ihr Geld anzunehmen. Während um sie herum der Tod des Großvaters organisiert, betrauert und mit allerlei Traditionen begleitet wird, versucht Ioana weiter, im Job zu funktionieren. Meetings zwischen Beerdigungsvorbereitungen. Laptop auf, Familie im Nacken, Laptop zu. Wobei: lieber nicht zu lange, man könnte ja beruflich etwas verpassen. Authentisch und absolut grauenvoll, für alle Agenturmäuse höchstwahrscheinlich ein unangenehmer Spiegel, der vorgehalten wird.

Ich mochte sehr, wie Alexandra-Maria Pipos diese beiden Welten aufeinanderprallen lässt, ohne eine davon zum einfachen Gegenentwurf der anderen zu machen. Ioana findet weder in der deutschen Leistungsgesellschaft Halt noch in einer rumänischen Heimat, die für sie eben nicht selbstverständlich Heimat ist. Stattdessen kommen dort noch Geschichten aus der Vergangenheit hinzu, alte Verstrickungen aus der Diktatur und familiäre Wahrheiten, von denen sie bisher wenig wusste.

Diese Vergangenheit bekommt ihre ganz eigenen Stimmen: Ikonen und Heiligenbildchen erzählen in optisch abgesetzten Kapiteln, wie sie die Familie im Laufe derer Leben, zum Teil über mehrere Generationen, betrachten konnten und dies wohlwollend und mitfühlend tun.

So landet man zwangsläufig bei der Frage, die über allem steht: Was ist der Preis für diesen Aufstieg? Die Eltern sind ausgewandert, damit es ihrer Tochter einmal besser geht. Jetzt geht es ihr „besser“ – mit 70-Stunden-Wochen, permanenter Verfügbarkeit und dem Gefühl, sich ihren Platz jeden verdammten Tag aufs Neue verdienen zu müssen. Gleichzeitig hängt an diesem Erfolg eine Familie, für die Ioanas Leben in Deutschland zwar weit weg ist, ihr Einkommen aber keineswegs.

Das erzählt Pipos augenzwinkerndem Blick für die Absurditäten auf beiden Seiten. Gerade dieses ständige Funktionieren, dieses Wechseln zwischen beruflichen Erwartungen und familiären Verpflichtungen, hat mich beim Lesen zunehmend gestresst, aber im besten Sinne. Weil man irgendwann selbst das Gefühl bekommt: Jetzt lasst diese Frau doch einfach einmal in Ruhe. Wobei das wahrscheinlich gar nicht bewirken würde, denn all diese Stimmen, den Druck und die Erwartungen hat Johanna tief verinnerlicht und selbst-optimiert sich mit Fitness-Videos neben dem Sarg - quasi.

Diese Autorin kann schreiben! Ich rieche den Kaffee, liege mit der Protagonistin im Bett und betrachte den Fleck an der Decke - wenn sich Ioana denn mal fünf Minuten Ruhe gönnt. Vielen Dank für diese wichtige Perspektive!