Überzeugend

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
taina Avatar

Von

Die Ich-Erzählerin Joana, ledig, arbeitet seit fünf Jahren bei Cadris Consulting und steckt in einem Hamsterrad. Der Konkurrenzkampf ist groß und wird befeuert durch den jeweils nächsten Schritt auf der Karriereleiter, der nur durch den vollen Einsatz zu erreichen ist. Von Joanas rumänischer Abstammung soll niemand etwas wissen, zu sehr schämt sie sich ihrer Eltern und ihrer Herkunft. In der Schule wurde sie gemobbt, die ersten Jahre waren ohnehin schwierig und sind es noch. Joana wuchs entfremdet und sozial vereinsamt im ‚Betonturm‘ auf, der Vater arbeitete viel, die Mutter konnte ihr Studium nicht fortsetzen.
Um möglichst bald Geld zu verdienen, hat Joana ihr Jurastudium zugunsten des jetzigen Jobs aufgegeben. Nun ist der Großvater gestorben und sie erfüllt die Erwartungen ihrer Familie und fliegt in die Heimat. Damit kann sie die Ansprüche von Cadris für wenige Tage nicht erfüllen, so sehr sie es versucht. In Rumänien zahlt sie für die Beerdigung des Großvaters, obwohl die Familie immer wieder Geld dafür in die alte Heimat überwiesen hat. Der Vater, inzwischen krank und ausgelaugt, bleibt zu Hause, niemand fragt nach ihm. Joana knüpft an Kindheitserinnerungen an, ihre Kusine und einer ihrer Onkel stehen ihr nahe, während die Familie insgesamt einen sehr dysfunktionalen Eindruck macht. Alkohol, Arbeitslosigkeit, Gewalt – und immer wieder ein bigottes Verhältnis zur Religion. Die Wahrheiten, die Joana nach und nach erfährt, sind schockierend und kaum zu ertragen. Zudem sitzt ihr die Cadris im Nacken, es gibt kein Verständnis für ihren Wunsch, einige Tage nicht erreichbar zu sein. Wer nicht mitzieht, wird an den Rand gedrängt. Für Joana steht die Frage im Raum, welche der Welten die bessere ist, ob sich die Übersiedlung ihrer Eltern gelohnt hat. Finanziell sicherlich, aber emotional steht die Familie vor einem Scherbenhaufen.
Stilistisch ist der Roman sehr überzeugend, die Zerrissenheit, mit der Joana lebt, überträgt sich auf die Leser. Ruhe und auch Ordnung in das Chaos bringt die Stimme der Ikone, die alles beobachtet, erklärt, zurechtrückt. Der stille, ausgeglichene Beobachter und die nicht mehr gehörte Religion.
Ein Buch, das nachdenklich stimmt und die Frage aufwirft, wie Menschen mit repressiven Systemen zurechtkommen und mit welchen Opfern ein neues Leben erkauft wird. Dass es für diesen Konflikt keine Lösung geben kann, zeigt der Text sehr eindrucksvoll.