Was ist wichtiger als das Leben?

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
rapunzel66 Avatar

Von

„Gib mir alles“ von Alexandra-Maria Pipos hat mir sehr gut gefallen. Die Geschichte um Ioana hat mich vor allem deshalb erreicht, weil ich mich in ihrem Versuch, allen Erwartungen gerecht zu werden, erstaunlich gut wiedererkannt habe.

Ioana lebt zwischen zwei Kulturen und versucht, in allen Bereichen ihres Lebens zu funktionieren: im Beruf, in der Familie und auch sich selbst gegenüber. Sie möchte eine gute Tochter sein, beruflich erfolgreich sein und gleichzeitig ihre eigenen Ansprüche an sich erfüllen. Sport-Challenges, Business-Podcasts und andere Routinen gehören selbstverständlich dazu – Hauptsache, die Serie reißt nicht ab. Als ein familiäres Ereignis sie zurück nach Rumänien führt, beginnt dieses sorgfältig organisierte Leben ins Wanken zu geraten.

Besonders gut hat mir gefallen, wie die Autorin dieses Spannungsfeld zwischen äußerem Funktionieren und inneren Bedürfnissen umgesetzt hat. Ioana ist dabei für mich keine überzeichnete Figur, sondern erstaunlich glaubwürdig. Gerade ihr selbst auferlegter Druck macht sie für mich authentisch, weil er zeigt, dass die Erwartungen anderer nicht immer das eigentliche Problem sind – manchmal sind wir selbst unser strengster Antreiber.

Auch der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Die Sprache ist temporeich, pointiert und lässt sich sehr flüssig lesen. Ich war schnell in Ioanas Geschichte und konnte ihre Gedanken und ihren inneren Spagat gut nachvollziehen.

Eine kleine Einschränkung gab es für mich bei den Passagen aus der Außensicht, in denen die Schutzheiligen das Geschehen beobachten und teilweise in die Vergangenheit zurückblicken. Ich fand diese Passagen nicht schlecht und sie sind durchaus interessant – für mich haben sie allerdings immer wieder den Lesefluss unterbrochen. Ich wurde aus Ioanas unmittelbarer Geschichte herausgeholt und brauchte einen Moment, um wieder hineinzufinden.

Das Cover hat mich persönlich nicht besonders angesprochen. Bei einem Buch, das mich inhaltlich so stark erreicht hat, hätte ich mir eine Gestaltung gewünscht, die mich genauso neugierig macht.

Interessant fand ich auch den biografischen Hintergrund der Autorin: Alexandra-Maria Pipos wurde in Rumänien geboren und wuchs in Deutschland auf. „Gib mir alles“ ist ihr erster Roman – und gerade der Blick auf das Leben zwischen zwei Kulturen wirkt dadurch besonders stimmig.

Mein Lieblingssatz aus dem Buch bringt für mich gleichzeitig eine der zentralen Fragen der Geschichte auf den Punkt:

„Es ist dringend“, sagte ich zu meiner Mutter. „Was ist wichtiger als das Leben?“

Diese Frage ist bei mir auch nach dem Lesen hängen geblieben:Was will ich eigentlich vom Leben? Und warum ist so oft irgendetwas vermeintlich wichtiger als das Leben selbst?

Für mich ist „Gib mir alles“ deshalb mehr als eine unterhaltsame Geschichte über Familie, Beruf und Selbstoptimierung. Es ist ein Buch über den Moment, in dem man merkt, dass man nicht alles gleichzeitig erfüllen kann – und dass darin vielleicht nicht das Scheitern, sondern eine neue Freiheit liegt.

Meine Empfehlung: Für Leserinnen und Leser, die Geschichten über Selbstoptimierung, Erwartungen, Familie und die Suche nach dem eigenen Leben mögen, ist „Gib mir alles“ eine klare Empfehlung. Besonders dann, wenn man sich selbst schon einmal dabei ertappt hat, ständig zu funktionieren und dabei zu vergessen, sich zu fragen, was man eigentlich selbst möchte.