Wem gehörst du?
Der Debütroman von Alexandra-Maria Pipos übertrifft meine Erwartungen an Erzählung und sprachlich sowie künstlerischer Gestaltung. Johanna strampelt sich ab, um bei ihrem Arbeitgeber, der Cadris Consulting, aufzusteigen und eine im Raum stehende Provision von 70000 Euro zu ergattern. Die angeblich so flache Hierarchie ist genaugenommen ein gewaltiger Ausbeutungsprozess. Ihr Chef Tom verfügt über ihre komplette Zeit und fordert über stete Handyverbindung ständig Input für irgendwelche Projekte. Zwei Kollegen werden genauso behandelt und er hat eine raffinierte Konkurrenzsituation zwischen den Dreien geschaffen. Johanna ist am besten auszubeuten, da sie unglaublich ehrgeizig ist, kaum ein Privatleben hat und die in Aussicht gestellte Provisiongut gebrauchen könnte, da sie ihre Eltern finanziell sehr großzügig unterstützt. Ihre Selbstoptimierung treibt sie mit Videosporteinheiten und Marketingposts als weiter. Was in der Firma nicht bekannt ist, Johanna ist eigentlich Ioana und mit ihren rumänischen Eltern als Kind nach Deutschland ausgewandert. Brüchig wird ihr Konstrukt, als ihr Großvater in Rumänien stirbt und sie zur Beerdigung muss. Ihr Chef sichert ihr einen Kurzurlaub zu, wobei er sie aber auch ständig mit Aufträgen überschüttet. Ioana kommt völlig getresst in ihrer rumänischen Familie an und stellt fest, dass kein Geld für die Beerdigung vorhanden ist und es in der Familie jede Menge Probleme gibt und schon immer gab, die sie aber als Kind natürlich so nicht gesehen hat. Aus dieser Diskrepanz zwischen dem hohlen Businesstalk der Mitarbeiter der Consultingagentur und der rumänischen Familie, die in ihren Ansichten und in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld um Jahrzehnte hinterherhinkt, lebt der Roman. Ioana Mutter, die in einen Kosmos von Aberglauben und Glauben sowie der permanenten Furcht vor gesellschaftlichen Fehlern lebt, ist eine der tragenden Figuren des Romans. Kommentiert wird Geschehen und Figuren durch zwischengeschobene Texte, die von den in Rumänien allgegenwärtigen Ikonen gesprochen werden, was ein besonderer Kunstgriff ist. Absolut klare Leseempfehlung!