Wenn der Erfolgsdruck dich fast zerreißt

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
eternal-hope Avatar

Von

Ioanas Eltern haben für sie die Chance ergriffen, nach Deutschland auszuwandern, um der Tochter ein vermeintlich besseres Leben zu ermöglichen. Dafür haben sie Verwandte, Freunde und Heimat hinter sich gelassen, dafür arbeiten sie in körperlich anstrengenden und schlecht bezahlten Jobs. Ioana hat in Deutschland Abitur gemacht und ein Jura-Studium begonnen, doch als sich die Chance bot, in einer Unternehmensberatung Karriere zu machen und viel Geld zu verdienen, hat sie diese ergriffen.

Hier arbeitet sie nun seit mehreren Jahren verbissen an ihrem Aufstieg, sagt zu jeder Anforderung "ja", Feierabend, freie Wochenenden oder gar Urlaub gibt es kaum. Für eine Beziehung oder gar Kinder ist auch kein Platz in ihrem Leben. Dafür kann sie mit ihrem guten Gehalt die Eltern und die wiederum damit die Verwandten in Rumänien unterstützen, auch wenn sie sich selbst einige Wünsche versagt. Selbst Schlaf gönnt sie sich kaum und absolviert frühmorgens noch ein anstrengendes videoangeleitetes Fitnessprogramm, schließlich gehört zu ihrem internalisierten enormen Leistungsanspruch ja auch, so schlank, schön und trainiert wie möglich zu sein.

Ins Schwanken gerät Ioanas Alltag, als plötzlich der Großvater in Rumänien stirbt und die Familie erwartet, dass sie alles stehen und liegen lässt, um zur Beerdigung zu fliegen, während ausgerechnet jetzt ein wichtiges Kundenprojekt präsentiert werden soll, das darüber entscheidet, wer die nächste Beförderung bekommt, die mit einer hohen Vergütung verbunden ist: Ioana oder ihr ebenfalls sehr ehrgeiziger und außerdem intriganter Kollege, der schon seit längerem alles versucht, um ihre Leistungen für sich zu verbuchen und sie mit unfairen Mitteln karrieretechnisch zu überholen.

In dieser Zeit meint Ioana, sich nicht wirklich frei nehmen zu können. Doch der Beerdigung des Opas fernbleiben ist auch keine Option. Also versucht sie, beides miteinander zu verbinden: sie fliegt nach Rumänien und arbeitet dort weiter, versucht, trotz schwankender Internetverbindung an Zoom-Konferenzen teilzunehmen und rechtzeitig zum entscheidenden Kundentermin wieder zurück zu sein. Ioana ist ehrgeizig, willensstark, intelligent und bereit, über alle Grenzen zu gehen und immer alles zu geben und noch mehr, das wird also schon klappen, oder?

Dieses Buch hat mich begeistert! Ich habe selbst viele Menschen mit Migrationsgeschichte in meinem sozialen Umfeld und kenne daher den enormen Leistungsdruck, unter dem viele von ihnen stehen: beweisen zu müssen, dass sich die eigene Migration bzw. die der Eltern und die damit verbundenen Entbehrungen gelohnt haben, erfolgreich zu sein im "reichen" neuen Land (was sich viele Verwandte und Bekannte in der Heimat viel einfacher vorstellen, als es tatsächlich ist), einen hohen Status erreichen und diesen mit entsprechenden Statussymbolen beweisen, dabei bei jedem Heimatbesuch unzählige Geschenke für die weitläufige Verwandtschaft mitbringen, viel Geld in die alte Heimat schicken, immer lächeln, keine Schwäche zeigen und nichts für sich selbst fordern.

Dieses Muster habe ich schon bei unzähligen jungen Menschen und nochmal mehr bei jungen Frauen mit Wurzeln in den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, Polens oder, wie hier, Rumäniens, beobachtet, und es ist ein unvorstellbarer Druck damit verbunden.

Die Autorin Alexandra-Maria Pipos ist selbst in Rumänien geboren und in Deutschland aufgewachsen, sie kennt diesen Leistungsdruck also sicherlich aus eigener Erfahrung und das merkt man dem Buch an.

Ich habe noch nie ein so authentisches Buch zu diesem Thema gelesen, das gleichzeitig unterhaltsam ist und bei dem man die Zerrissenheit zwischen dem enormen Leistungs- und Erfolgsdruck und aber auch dem Wunsch, sich Zeit für den Besuch in der alten Heimat und den Kontakt mit den Menschen dort zu nehmen, so mitfühlen kann. Dabei macht die Hauptfigur gleichzeitig eine beeindruckende Entwicklung durch und nähert sich ihrer alten Heimat und den Menschen dort wieder mehr an, während einige Dinge sich in einem neuen Licht zeigen.

Zusätzlich zu Ioanas persönlicher Geschichte erfährt man auch interessante Hintergründe über die Zeit unter der kommunistischen Ceaucescu-Diktatur, die, ähnlich wie in vielen anderen sozialistischen Diktaturen, von Bespitzelung, Willkür und Terror geprägt war, die bis heute tiefe Gräben mitten durch Familien gerissen haben, weil Menschen unter Druck gesetzt wurden, ihre eigenen engsten Freunde und nächsten Verwandten zu bespitzeln und zu verraten.

Ich habe dieses Buch mit großer Begeisterung gelesen und kann es allen, die sich für Themen wie Leistungsdruck, Migrationsgeschichten und generell Familiengeschichten und neuere europäische Geschichte interessieren, absolut empfehlen!