"Wer vor der Arbeit flieht, flieht vor dem Glück."
Protagonistin Ioana in Alexandra-Maria Pipos‘ Debütroman „Gib mir alles“ steht ständig unter Leistungsdruck: Bei ihrem Job bei einer Consultingfirma geht es nicht nur um ihre eigene Karriere, mit ihrem Einkommen unterstützt sie auch ihre rumänische Familie. Daher geht sie bis an ihre physischen und psychischen Grenzen, um die erhoffte Senior-Position zu ergattern. Als ein wichtiger Pitch bevorsteht, muss sie jedoch unerwartet zur Beerdigung ihres ihres Großvaters nach Rumänien reisen. Dort schafft sie es schwer, sich weiterhin auf die wichtigen Kunden-Calls und ToDos zu konzentrieren, während nebenher der „ganz normale“ familiäre Wahnsinn tobt und sie mit einem Geheimnis aus ihrer Familiengeschichte konfrontiert wird. Dazu kommt die Trauer um ihren Großvater und die Organisation der Beerdigung.
Besonders gelungen fand ich die Darstellung der beruflichen Überlastung und des Selbstoptimierungsdrucks sowie den Spagat des Lebens zwischen zwei Kulturen.
„Ich fange an, im Zimmer auf und ab zu laufen, doch mit jedem Schritt wird der Raum kleiner, die Wände kommen näher, so nah, dass ich die Decke berühren könnte, wenn ich die Hand danach ausstrecken würde. Auch die Ikonen starren, ihr Blick genauso vorwurfsvoll wie der meiner Mutter früher.
‚Wir haben hier nichts, Ioana. Nichts. Nur unseren Kopf und unsere Hände. Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun. Cine fuge de muncă, fuge de noroc.‘ Wer vor der Arbeit flieht, flieht vor dem Glück. Das sagte sie ständig. Wenn ich keine Lust hatte, mein Zimmer aufzuräumen. Meine Hausaufgaben zu machen. Mitzuhelfen. Also räumte ich auf und setzte mich wieder ans Einmaleins. Ich half auch weiter mit, ich übernahm die Anrufe, die Übersetzungen, die Arzt- und Behördenbesuche. Eltern, Ärzte, Behörden – sie starrten mir dann alle auf den Mund, der plötzlich das Nadelöhr zum Paradies war. Doch ich verstand ihre Worte nie ganz. Aufenthaltsbedingungen, Melanome, Wechselkonditionen beim Stromanbieter. Das war alles zu groß, zu fremd für mich. Ich zögerte zu sprechen. Denn jedes falsch übersetzte Wort konnte Krankheit, Tod oder schlimmer noch, Ärger bedeuten. ‚Warum hast du dich nicht angestrengt?‘, würden meine Eltern dann fragen, wenn es längst zu spät war. »‘Warum hast du uns im Stich gelassen?‘“
Interessant, wenn auch nicht leicht zugänglich, fand ich die Kapitel mit den fiktiven Kommentaren von rumänisch-orthodoxer Heiligenikonen.
Insgesamt hat mir der Schreibstil recht gut gefallen, so ganz abholen konnte mich die Geschichte allerdings nicht.
„Gib mir alles“ ist ein Debütroman, der durchaus einige sehr gute Momente hatte, meine Erwartungen aber leider nicht komplett erfüllen konnte. Besonders mit dem Ende tue ich mir etwas schwer. Dennoch bleibe ich neugierig auf weitere Veröffentlichungen von Alexandra-Maria Pipos.
Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚
Besonders gelungen fand ich die Darstellung der beruflichen Überlastung und des Selbstoptimierungsdrucks sowie den Spagat des Lebens zwischen zwei Kulturen.
„Ich fange an, im Zimmer auf und ab zu laufen, doch mit jedem Schritt wird der Raum kleiner, die Wände kommen näher, so nah, dass ich die Decke berühren könnte, wenn ich die Hand danach ausstrecken würde. Auch die Ikonen starren, ihr Blick genauso vorwurfsvoll wie der meiner Mutter früher.
‚Wir haben hier nichts, Ioana. Nichts. Nur unseren Kopf und unsere Hände. Wir können es uns nicht leisten, nichts zu tun. Cine fuge de muncă, fuge de noroc.‘ Wer vor der Arbeit flieht, flieht vor dem Glück. Das sagte sie ständig. Wenn ich keine Lust hatte, mein Zimmer aufzuräumen. Meine Hausaufgaben zu machen. Mitzuhelfen. Also räumte ich auf und setzte mich wieder ans Einmaleins. Ich half auch weiter mit, ich übernahm die Anrufe, die Übersetzungen, die Arzt- und Behördenbesuche. Eltern, Ärzte, Behörden – sie starrten mir dann alle auf den Mund, der plötzlich das Nadelöhr zum Paradies war. Doch ich verstand ihre Worte nie ganz. Aufenthaltsbedingungen, Melanome, Wechselkonditionen beim Stromanbieter. Das war alles zu groß, zu fremd für mich. Ich zögerte zu sprechen. Denn jedes falsch übersetzte Wort konnte Krankheit, Tod oder schlimmer noch, Ärger bedeuten. ‚Warum hast du dich nicht angestrengt?‘, würden meine Eltern dann fragen, wenn es längst zu spät war. »‘Warum hast du uns im Stich gelassen?‘“
Interessant, wenn auch nicht leicht zugänglich, fand ich die Kapitel mit den fiktiven Kommentaren von rumänisch-orthodoxer Heiligenikonen.
Insgesamt hat mir der Schreibstil recht gut gefallen, so ganz abholen konnte mich die Geschichte allerdings nicht.
„Gib mir alles“ ist ein Debütroman, der durchaus einige sehr gute Momente hatte, meine Erwartungen aber leider nicht komplett erfüllen konnte. Besonders mit dem Ende tue ich mir etwas schwer. Dennoch bleibe ich neugierig auf weitere Veröffentlichungen von Alexandra-Maria Pipos.
Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚