Zwischen Selbstbestimmung und rumänischen Wurzeln

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melanie22 Avatar

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Im Buch "Gib mir alles" wird die Geschichte von Ioana (deutsch Johanna) erzählt, die als kleines Kind mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland eingewandert ist. Nach dem Jurastudium, das sie nach dem 1. Staatsexamen beendet, klettert sie bei einer Consultig Firma die Karriereleiter empor. Doch der Preis dafür ist viel Stress, lange Arbeitszeiten und Leistungsdruck. Zum Begräbnis ihres Großvaters fliegt sie nach Rumänien und wird dort mit ihren Verwandten, wenig Privatsphäre, der Totenwache für ihren Großvater und einer komplett anderen Kultur konfrontiert, die sie in ihrem Business- Leben in Deutschland schon längst vergessen hatte. Zwischen anstrengenden, gierigen Verwandten, die Ioana als Cash Cow melken, Kindheitserinnerungen und religiösen Bräuchen sowie jeder Menge Regeln und Aberglauben stellt sich Ioana zwischen Totenwache und Business Calls mit ihrem Chef und den Kollegen in Deutschland Fragen zur Herkunft, Identität, was wirklich im Leben zählt und wieviel Druck von allen Seiten man eigentlich aushalten kann.

Wow, was für ein furioses Debüt. Der Autorin gelingt es in einer klaren, lebendigem Sprache die Geschichte einer Einwanderin zu erzählen, die zwischen zwei Welten jonglieren muss. Einerseits der enorme Leistungsdruck und das Konkurrenzdenken in der Unternehmensberatung, der Anpassungsdruck, um in Deutschland dazuzugehören und bloß nicht aufzufallen, andererseits die vielen Ansprüche ihrer rumänischen Familie, die finanziell von ihr abhängig ist, die vielen rumänischen Traditionen und die Gottgläubigkeit. Dieser Spagat ist für Ioana sehr kräftezehrend und Ioanas Zerrissenheit stellt die Autorin hier hervorragend dar. Durch Ioanas Perspektive können wir tief in ihre Gedanken und Gefühle eintauchen, was ich sehr spannend finde. Sehr interessant sind auch die vielen Kapitel aus Sicht der religiösen Ikonen, die bei den einzelnen Familienmitgliedern stehen und die Geschichte durch ihre eigenen Sichtweisen bereichern. In Ioana konnte ich mich sehr hineinfühlen, da meine Familiengeschichte auch Einwanderung beeinhaltet. Auch die anderen Charaktere wie Familienmitglieder und Consulting - Mitarbeiter waren facettenreich und fein gezeichnet. Die Geschichte ist von Beginn bis zum Ende wirklich sehr interessant sowie fesselnd und hat mich sehr berührt. Besonders toll fand ich, dass sich Ioana trotz der vielen Themen wie Trauer, schweren Schicksalen und Leistungsdruck mit denen sie konfrontiert wird, eine gewisse Ironie und Humor bewahrt hat, der im Roman immer wieder durchscheint.

Fazit: Für mich eine starke, emotionale Geschichte über Wurzeln, kulturelle Identität, familiäre Werte und Bindungen, die uns prägen und uns zu dem machen, was wir sind. Und wie es sich anfühlt, in seiner Lebensrealität zwei komplett unterschiedliche Welten zu vereinen und den Spagat zu schaffen, sich dabei nicht selbst zu verlieren.