Drei Leben, ein Ort, kein Entkommen
Schon der Klappentext macht klar, dass dieser Kriminalroman weniger auf klassische Ermittlungsarbeit setzt, sondern auf Atmosphäre, psychologischen Druck und moralische Grauzonen. Das Cover stelle ich mir entsprechend düster und reduziert vor – ein verlassenes Gelände, kaltes Licht, viel Schatten –, was sehr gut zum Lost-Place-Setting und zur nächtlichen Grundstimmung passt. Es signalisiert Spannung und Abgründigkeit, ohne reißerisch zu wirken.
Der Schreibstil wirkt in der Leseprobe direkt, rau und schnörkellos. Die Sprache passt zur Perspektive eines jungen Mannes, der gerade aus dem Jugendknast kommt und von der Gesellschaft kaum eine zweite Chance erhält. Der Spannungsaufbau funktioniert schleichend, aber wirkungsvoll: Aus Hoffnung wird Unbehagen, aus Unbehagen blankes Entsetzen, als die Leiche im Schacht gefunden wird. Die Nacht, der verlassene Ort und das Gefühl, nicht allein zu sein, erzeugen eine dichte, fast klaustrophobische Atmosphäre.
Die Figuren machen einen starken ersten Eindruck. Joran erscheint zerrissen, getrieben und verletzlich, was ihn sofort glaubwürdig und nahbar macht. Edda wirkt durch ihr Auftauchen im Schlafanzug verstörend und geheimnisvoll, während Charu als Fotografin einen spannenden Gegenpol bildet – beobachtend, neugierig, vielleicht auch mit eigenen Motiven. Dass drei so unterschiedliche Menschen durch einen Toten verbunden werden, verspricht intensive zwischenmenschliche Konflikte.
Ich erwarte einen Krimi, der weniger Antworten liefert als unbequeme Fragen stellt: nach Schuld, Verantwortung und den Folgen vergangener Entscheidungen. Weiterlesen möchte ich dieses Buch, weil es den Eindruck macht, Spannung mit Tiefe zu verbinden und die dunklen Seiten menschlicher Beziehungen ebenso ernst zu nehmen wie den eigentlichen Kriminalfall.