Zivilisation mit Rostflecken
Ich war vorbereitet auf das Schlimmste. Lost Places, Social Media, drei kaputte Existenzen – klang nach einer Mischung aus Influencer-Selbstfindungstrip und pädagogisch wertvoller Betroffenheitsliteratur. Überraschung: Es ist stattdessen ein ziemlich giftiger Cocktail aus Hoffnung, Verzweiflung, schwarzem Humor und der unangenehmen Erkenntnis, dass „zivilisierte Gesellschaft“ oft nur ein sehr dünner Lack über rostigem Blech ist.
Die Ausgangslage: Eine junge Frau, die verlassene Orte filmt, ein frisch entlassener Ex-Häftling mit der Sozialkompetenz eines nassen Zementsacks und ein Mädchen, das nachts Zuflucht an Orten sucht, an denen selbst Google Maps nur noch „Hier endet die Welt“ einträgt. Sie treffen in einer verlassenen Anlage aufeinander — und helfen sich gegenseitig. Nicht auf die warmherzige „Wir backen jetzt gemeinsam Muffins“-Art, sondern eher auf die Sorte Hilfe, nach der man sich anschließend fragt, ob Therapieplätze auch im Dreierpack erhältlich sind.
Was dieses Buch wirklich kann: Es tut weh. Nicht wegen spektakulärer Gewalt (die ist da, aber nicht der Hauptgang), sondern wegen der psychologischen Schonungslosigkeit. Verzweiflung, Angst, Wut, Hoffnung — alles serviert ohne Zuckerguss. Man möchte die Figuren schütteln, anschreien, in Watte packen oder ihnen einfach das WLAN abdrehen, damit sie keine weiteren schlechten Entscheidungen googeln können.
Joran ist dabei der tragische Publikumsliebling: ein wandelnder Pechmagnet mit Hang zu katastrophalen Entscheidungen, der trotzdem so verzweifelt versucht, es richtig zu machen, dass man ihn irgendwann adoptieren möchte. Edda bricht einem das Herz, weil sie viel zu jung viel zu stark sein muss. Charu hingegen polarisiert: ambitioniert, zielstrebig, manchmal unangenehm selbstgerecht — kurz gesagt, die Person in der Gruppe, die vermutlich auch in einer Apokalypse noch sagen würde: „Ich hab’s euch doch gesagt.“
Erzählt wird wechselnd in der Ich-Perspektive. Das ist intensiv, nah und gelegentlich so sprunghaft, dass man kurz prüfen möchte, ob man versehentlich den falschen Tab geöffnet hat. Manche werden diese Nähe lieben, andere wünschen sich zwischendurch einen emotionalen Sicherheitsabstand von mindestens zwei Kapiteln.
Stilistisch ist das Ganze eher nüchtern als poetisch — was gut zur Trostlosigkeit passt, aber nicht jeden abholt. Wer Cosy Crime erwartet, bei dem am Ende Tee serviert und ein Mord elegant aufgeklärt wird, ist hier ungefähr so richtig wie ein Einhorn auf einem Schrottplatz.
Und trotzdem — oder gerade deshalb — ist das Buch fesselnd. Weil es nicht versucht, nett zu sein. Weil es zeigt, wie Menschen scheitern, kämpfen, wieder scheitern und manchmal trotzdem einen Zentimeter vorankommen. Der „giftige Grund“ ist dabei weniger der ölverseuchte Boden verlassener Orte als die gesellschaftliche Schattenzone, die wir gern ignorieren, solange sie nicht in unseren Vorgarten sickert.
Das Finale? Ein Schlag in die Magengrube mit Nachhall. Man klappt das Buch zu und sitzt kurz da wie jemand, der gerade realisiert hat, dass „Unterhaltung“ nicht zwingend „angenehm“ bedeutet.
Fazit: Kein Wohlfühlkrimi, kein moralischer Leitfaden, kein Buch für zarte Nerven — aber ein verdammt eindringliches. Kontrovers, bitter, stellenweise absurd komisch und erstaunlich menschlich. Man fühlt sich danach nicht besser, aber definitiv weniger naiv. Und manchmal ist genau das die bessere Art von Unterhaltung.
Die Ausgangslage: Eine junge Frau, die verlassene Orte filmt, ein frisch entlassener Ex-Häftling mit der Sozialkompetenz eines nassen Zementsacks und ein Mädchen, das nachts Zuflucht an Orten sucht, an denen selbst Google Maps nur noch „Hier endet die Welt“ einträgt. Sie treffen in einer verlassenen Anlage aufeinander — und helfen sich gegenseitig. Nicht auf die warmherzige „Wir backen jetzt gemeinsam Muffins“-Art, sondern eher auf die Sorte Hilfe, nach der man sich anschließend fragt, ob Therapieplätze auch im Dreierpack erhältlich sind.
Was dieses Buch wirklich kann: Es tut weh. Nicht wegen spektakulärer Gewalt (die ist da, aber nicht der Hauptgang), sondern wegen der psychologischen Schonungslosigkeit. Verzweiflung, Angst, Wut, Hoffnung — alles serviert ohne Zuckerguss. Man möchte die Figuren schütteln, anschreien, in Watte packen oder ihnen einfach das WLAN abdrehen, damit sie keine weiteren schlechten Entscheidungen googeln können.
Joran ist dabei der tragische Publikumsliebling: ein wandelnder Pechmagnet mit Hang zu katastrophalen Entscheidungen, der trotzdem so verzweifelt versucht, es richtig zu machen, dass man ihn irgendwann adoptieren möchte. Edda bricht einem das Herz, weil sie viel zu jung viel zu stark sein muss. Charu hingegen polarisiert: ambitioniert, zielstrebig, manchmal unangenehm selbstgerecht — kurz gesagt, die Person in der Gruppe, die vermutlich auch in einer Apokalypse noch sagen würde: „Ich hab’s euch doch gesagt.“
Erzählt wird wechselnd in der Ich-Perspektive. Das ist intensiv, nah und gelegentlich so sprunghaft, dass man kurz prüfen möchte, ob man versehentlich den falschen Tab geöffnet hat. Manche werden diese Nähe lieben, andere wünschen sich zwischendurch einen emotionalen Sicherheitsabstand von mindestens zwei Kapiteln.
Stilistisch ist das Ganze eher nüchtern als poetisch — was gut zur Trostlosigkeit passt, aber nicht jeden abholt. Wer Cosy Crime erwartet, bei dem am Ende Tee serviert und ein Mord elegant aufgeklärt wird, ist hier ungefähr so richtig wie ein Einhorn auf einem Schrottplatz.
Und trotzdem — oder gerade deshalb — ist das Buch fesselnd. Weil es nicht versucht, nett zu sein. Weil es zeigt, wie Menschen scheitern, kämpfen, wieder scheitern und manchmal trotzdem einen Zentimeter vorankommen. Der „giftige Grund“ ist dabei weniger der ölverseuchte Boden verlassener Orte als die gesellschaftliche Schattenzone, die wir gern ignorieren, solange sie nicht in unseren Vorgarten sickert.
Das Finale? Ein Schlag in die Magengrube mit Nachhall. Man klappt das Buch zu und sitzt kurz da wie jemand, der gerade realisiert hat, dass „Unterhaltung“ nicht zwingend „angenehm“ bedeutet.
Fazit: Kein Wohlfühlkrimi, kein moralischer Leitfaden, kein Buch für zarte Nerven — aber ein verdammt eindringliches. Kontrovers, bitter, stellenweise absurd komisch und erstaunlich menschlich. Man fühlt sich danach nicht besser, aber definitiv weniger naiv. Und manchmal ist genau das die bessere Art von Unterhaltung.