Barmherzig morden

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dorli Avatar

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Viveca Sten widmet sich in „Gnadenopfer“ einem aktuellen und sehr aufwühlenden Thema: es geht um die Einsamkeit und Hilflosigkeit alter Menschen. Und es geht um die Überlastung von ambulanten Pflegediensten sowie deren Schwierigkeiten bei der Versorgung hilfsbedürftiger Menschen besonders in ländlichen Gegenden. Es gefällt mir sehr gut, dass die Autorin diesen wichtigen Bereich des alltäglichen Lebens näher beleuchtet, weil sie so auf die wachsende Krise im Pflegesystem und damit auf Probleme aufmerksam macht, die uns alle angehen.

Von der Krimihandlung dagegen bin ich enttäuscht. Viveca Sten hat mich mit ihren spannenden Geschichten bisher immer überzeugt, diesmal konnte sie mich jedoch nicht fesseln. Nach einem dramatischen Prolog, in dem die Autorin sehr mitreißend den Überlebenskampf der hilflosen Ing-Marie schildert und damit ihr eigentlich gutes Händchen für einen raschen Spannungsaufbau zeigt, bricht die gerade erst erzeugte Sogwirkung sofort wieder weg.

Das liegt vor allen Dingen daran, dass der Zwist zwischen Hanna und Daniel viel zu viel Raum bekommt. Die erste Hälfte des Buches dreht sich nur um die persönlichen Befindlichkeiten der Kommissare. Was anfangs noch für eine unterschwellige Spannung sorgt, driftet schnell ins Kindische ab und lässt die Handlung rund um die Mordserie fast untergehen.

Nachdem der Konflikt beigelegt ist und die Aufgaben für die Spurensuche verteilt wurden, beginnen endlich die Ermittlungen. Hier fühle ich mich dann jedoch nicht mitgenommen, weil alles so oberflächlich und wenig professionell abläuft. Die Dialoge sind hölzern. Alles plätschert vor sich hin, von Spannung keine Spur. Stattdessen wird die Handlung mit Belanglosigkeiten sowie vielen kleinen inhaltlichen Wiederholungen aufgefüllt und damit künstlich in die Länge gezogen.

Auch die Darstellung der Figuren hat mir nicht gefallen. Besonders die übertrieben negative Stimmung fast aller Akteure hat mich gestört. So gut wie jeder scheint mürrisch, gereizt, schlecht gelaunt oder gestresst zu sein. Neben dem bereits erwähnten kindischen Verhalten von Hanna und Daniel habe ich vor allem die Figur der Karro als schlecht umgesetzt empfunden. Sie wirkt nicht wie eine überlastete Pflegedienstleiterin, sondern unbeholfen, eingeschüchtert und mit ihrer Aufgabe überfordert. Erfrischender Lichtblick: Clara mit ihrer positiven Ausstrahlung. Als alleinerziehende Mutter zweier Teenager hat die Bibliothekarin es sicherlich auch nicht leicht, doch sie wirkt immer fröhlich. Sie hat jemand besseren verdient, als den brummeligen Daniel.

Gut 100 Seiten vor Schluss wird es dann endlich spannend. Mehrere Verdächtige rücken gleichzeitig in den Fokus und ich kann zu guter Letzt doch noch ein wenig miträtseln.

„Gnadenopfer“ ist bei Weitem nicht die vielschichtige, ausgefeilte Geschichte, die ich erwartet hatte. Es fehlt vor allen Dingen an Spannung; ich bleibe ziemlich enttäuscht zurück.