Bye bye good girl!
Was wäre, wenn Nettsein gar kein Charakterzug wäre, sondern etwas, das wir gelernt haben, um dazuzugehören, Konflikte zu vermeiden und sicher zu sein?
Genau hier setzt Silvi Carlsson in "Good Girl Exit. Vom Ende weiblicher Verfügbarkeit" an. Das im Juli 2026 bei Piper erschienene Sachbuch beschäftigt sich mit weiblicher Sozialisation, People Pleasing, Scham, Wut, Körperbildern, romantischen Beziehungen, Freundschaften und der Frage, was passiert, wenn Frauen aufhören, ständig verfügbar, verständnisvoll und angenehm sein zu wollen.
Meine Meinung
Die Autorin verbindet persönliche Erfahrungen mit feministischen Analysen und macht Lust darauf, die eigene Sozialisation genauer unter die Lupe zu nehmen. Besonders spannend fand ich das Sichtbarmachen vom Zusammenhang von weiblicher Sozialisation und Scham: Mädchen lernen früh, Beziehungen zu schützen, sich anzupassen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Wut, Widerspruch oder Grenzsetzung können dagegen soziale Konsequenzen haben. Scham wird so zum Kontrollmechanismus.
Auch mit dem Gedanken des verinnerlichten Male Gaze konnte ich definitiv mitgehen: die „innere Kamera“, die permanent kontrolliert, wie wir wirken, ob wir begehrenswert, angenehm oder „zu viel“ sind. Ähnlich interessant ist Carlssons Betrachtung von People Pleasing und der Fawn-Reaktion sowie ihre Kritik daran, emotionale Arbeit in Beziehungen als selbstverständlichen Ausdruck von Liebe zu betrachten. Besonders hängen geblieben ist bei mir außerdem die Aufwertung von Freund:innenschaften als eigenständige, tragende Beziehungen; statt sie als Trostpreis für eine fehlende romantische Partnerschaft zu verstehen. Denn Freund:innenschaften = Liebesbeziehungen <3
Sehr gut gefallen haben mir auch die kleinen, konkreten mikrofeministischen Interventionen, die man gut in den eigenen Alltag übertragen kann. Immer wieder erzählt die Autorin im Buch von Situationen die ihr im Alltag auffallen, in denen sie (Männern) automatisch Platz macht, sich entschuldigt oder die Bedürfnisse anderer über die eigenen stellt. Und ich glaube damit steht sie nicht alleine da. Dazu kommt ein Humor, der das Buch immer wiedermal auflockert.
Gleichzeitig hatte ich aber auch ein paar Fragezeichen. Sprachlich bin ich nicht immer richtig hineingekommen, obwohl es wirklich gut lesbar ist. Vieles hätte für mich auch deutlich stärker verdichtet werden können. Das Buch wirkte auf mich stellenweise eher wie ein sehr ausführlicher Essay als wie ein stringent aufgebautes Sachbuch.
Auch inhaltlich fügt "Good Girl Exit" der feministischen Debatte für mich nicht besonders viel Neues hinzu. Male Gaze, Mental Load, Care-Arbeit, internalisierte Misogynie, weibliche Wut oder People Pleasing sind inzwischen gut etablierte feministische Themen. Für Einsteiger*innen kann gerade diese Bündelung hilfreich sein; wer sich allerdings schon intensiv mit feministischer Literatur beschäftigt hat, wird vieles wiedererkennen. Wobei Wiederholung manchmal ja auch nicht schadet.
Mehr hätte ich mir außerdem beim Thema intersektionale Perspektive erwartet. Die Autorin benennt ihre eigene Positionierung und macht deutlich, dass Feminismus nicht automatisch alle Frauen gleichermaßen mitdenkt. Diese Selbstreflexion finde ich wichtig. Gleichzeitig bleibt die Perspektive für mich im weiteren Verlauf relativ oberflächlich un punktuell. Auch Begriffe wie „strukturelle Blindheit“ empfinde ich vor diesem Hintergrund als sprachlich problematisch (Ableismus).
Am meisten abgeholt hat mich Carlsson gegen Ende des Buches bei dem es vom individuellen „Verlernen“ zum Begriff des „Entzugs“ kommt: der bewussten Entscheidung, patriarchalen Strukturen nicht länger selbstverständlich Zeit, Aufmerksamkeit, emotionale Arbeit und Verfügbarkeit zur Verfügung zu stellen. Die Verbindung dieses Gedankens mit historischen feministischen Bewegungen war für mich einer DER Momente des Buches.
Fazit
"Good Girl Exit" ist für mich kein Buch, das die feministische Debatte revolutioniert; aber eines, das viele bekannte Fragen zugänglich, persönlich und teilweise sehr treffend zusammenführt. Ich hätte mir weniger Wiederholungen, mehr sprachliche Präzision und eine konsequentere intersektionale Perspektive gewünscht. Mitgenommen habe ich trotzdem einiges. Von mir gibt es eine Leseempfehlung.
Genau hier setzt Silvi Carlsson in "Good Girl Exit. Vom Ende weiblicher Verfügbarkeit" an. Das im Juli 2026 bei Piper erschienene Sachbuch beschäftigt sich mit weiblicher Sozialisation, People Pleasing, Scham, Wut, Körperbildern, romantischen Beziehungen, Freundschaften und der Frage, was passiert, wenn Frauen aufhören, ständig verfügbar, verständnisvoll und angenehm sein zu wollen.
Meine Meinung
Die Autorin verbindet persönliche Erfahrungen mit feministischen Analysen und macht Lust darauf, die eigene Sozialisation genauer unter die Lupe zu nehmen. Besonders spannend fand ich das Sichtbarmachen vom Zusammenhang von weiblicher Sozialisation und Scham: Mädchen lernen früh, Beziehungen zu schützen, sich anzupassen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Wut, Widerspruch oder Grenzsetzung können dagegen soziale Konsequenzen haben. Scham wird so zum Kontrollmechanismus.
Auch mit dem Gedanken des verinnerlichten Male Gaze konnte ich definitiv mitgehen: die „innere Kamera“, die permanent kontrolliert, wie wir wirken, ob wir begehrenswert, angenehm oder „zu viel“ sind. Ähnlich interessant ist Carlssons Betrachtung von People Pleasing und der Fawn-Reaktion sowie ihre Kritik daran, emotionale Arbeit in Beziehungen als selbstverständlichen Ausdruck von Liebe zu betrachten. Besonders hängen geblieben ist bei mir außerdem die Aufwertung von Freund:innenschaften als eigenständige, tragende Beziehungen; statt sie als Trostpreis für eine fehlende romantische Partnerschaft zu verstehen. Denn Freund:innenschaften = Liebesbeziehungen <3
Sehr gut gefallen haben mir auch die kleinen, konkreten mikrofeministischen Interventionen, die man gut in den eigenen Alltag übertragen kann. Immer wieder erzählt die Autorin im Buch von Situationen die ihr im Alltag auffallen, in denen sie (Männern) automatisch Platz macht, sich entschuldigt oder die Bedürfnisse anderer über die eigenen stellt. Und ich glaube damit steht sie nicht alleine da. Dazu kommt ein Humor, der das Buch immer wiedermal auflockert.
Gleichzeitig hatte ich aber auch ein paar Fragezeichen. Sprachlich bin ich nicht immer richtig hineingekommen, obwohl es wirklich gut lesbar ist. Vieles hätte für mich auch deutlich stärker verdichtet werden können. Das Buch wirkte auf mich stellenweise eher wie ein sehr ausführlicher Essay als wie ein stringent aufgebautes Sachbuch.
Auch inhaltlich fügt "Good Girl Exit" der feministischen Debatte für mich nicht besonders viel Neues hinzu. Male Gaze, Mental Load, Care-Arbeit, internalisierte Misogynie, weibliche Wut oder People Pleasing sind inzwischen gut etablierte feministische Themen. Für Einsteiger*innen kann gerade diese Bündelung hilfreich sein; wer sich allerdings schon intensiv mit feministischer Literatur beschäftigt hat, wird vieles wiedererkennen. Wobei Wiederholung manchmal ja auch nicht schadet.
Mehr hätte ich mir außerdem beim Thema intersektionale Perspektive erwartet. Die Autorin benennt ihre eigene Positionierung und macht deutlich, dass Feminismus nicht automatisch alle Frauen gleichermaßen mitdenkt. Diese Selbstreflexion finde ich wichtig. Gleichzeitig bleibt die Perspektive für mich im weiteren Verlauf relativ oberflächlich un punktuell. Auch Begriffe wie „strukturelle Blindheit“ empfinde ich vor diesem Hintergrund als sprachlich problematisch (Ableismus).
Am meisten abgeholt hat mich Carlsson gegen Ende des Buches bei dem es vom individuellen „Verlernen“ zum Begriff des „Entzugs“ kommt: der bewussten Entscheidung, patriarchalen Strukturen nicht länger selbstverständlich Zeit, Aufmerksamkeit, emotionale Arbeit und Verfügbarkeit zur Verfügung zu stellen. Die Verbindung dieses Gedankens mit historischen feministischen Bewegungen war für mich einer DER Momente des Buches.
Fazit
"Good Girl Exit" ist für mich kein Buch, das die feministische Debatte revolutioniert; aber eines, das viele bekannte Fragen zugänglich, persönlich und teilweise sehr treffend zusammenführt. Ich hätte mir weniger Wiederholungen, mehr sprachliche Präzision und eine konsequentere intersektionale Perspektive gewünscht. Mitgenommen habe ich trotzdem einiges. Von mir gibt es eine Leseempfehlung.