Vom Gefallenwollen zum Grenzen setzen

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‚Don’t blame the girls, when it’s the system.‘

‚Good Girl Exit‘ beschäftigt sich mit der Frage, wie Strukturen unser Denken und Handeln prägen und wie Frauen dadurch gesellschaftlich ein- bzw. untergeordnet werden. Fragestellungen wie „Was passiert mit Menschen, wenn sie in einer Gesellschaft aufwachsen, die bestimmte Eigenschaften belohnt und andere bestraft?“ ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch und erklären genau jene Mechanismen, die dazu führen. Zwischen Sachbuch und Roman war dies eine kurzweilige und interessante Lektüre.

Im ersten Teil des Buches, „Verfügbar sein“, erklärt Silvi Carlsson wie weibliche Rollenbilder entstehen und warum viele Frauen von klein auf darauf konditioniert werden, gefällig, unkompliziert und möglichst wenig störend zu sein. Anhand ihrer eigenen Biografie sowie anhand bekannter Popkultur-Beispiele - von Britney Spears bis Shirin David - zeigt sie auf, wie tief patriarchale Strukturen in unserem Alltag verankert sind. Einen Punkt, auf den die Autorin immer wieder zurück kommt, ist Scham als Mechanismus sozialer Kontrolle. Ein Beispiel: Feminine Eigenschaften werden bei Jungen und Männern abgewertet und Aussagen wie zum Beispiel „Du rennst wie ein Mädchen“ prägen bereits in der frühen Kindheit. Gleichzeitig lernen aber auch junge Mädchen in der Gesellschaft schon früh, nicht „zu laut“ sondern lieber „nett“ zu sein, nicht „zu viel Raum einzunehmen“.

Im zweiten Teil „Vom Ende weiblicher Verfügbarkeit“ geht es um mögliche Wege aus diesen eingeübten Mustern. Besonders der Gedanke, dass „das Patriarchat erst in uns sterben muss“, ist mir im Gedächtnis geblieben. Er macht deutlich, wie tief viele dieser Verhaltensweisen verinnerlicht sind. Carlsson regt dazu an, nicht nur gesellschaftliche Mechanismen zu hinterfragen, sondern auch den eigenen Anteil daran zu reflektieren. Spannend ist auch die Frage, warum Frauen sich mitunter an anderen Frauen stören und welche Rolle gewisse Strukturen dabei spielen. Nicht mit allen vorgeschlagenen Konsequenzen kann ich persönlich mitgehen, dennoch fand ich die Denkanstöße interessant. Ingesamt hat mir der Theorie Part (erster Teil) etwas besser gefallen.

Die Autorin verbindet persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Analysen und stützt ihre Argumentation immer wieder auf Sekundärliteratur, unter anderem auf Judith Butler, Franziska Schutzbach oder Anika Landsteiner. Das Buch liefert für mich keine völlig neuen Erkenntnisse, fasst viele Zusammenhänge aber noch einmal anschaulich zusammen und ordnet sie durch die persönliche Perspektive und die Erfahrungen der Autorin ein. Der Inhalt des Buches bietet auf jeden Fall interessanten Stoff für so manche Diskussion (zumindest ging es mir so).

‚Good Girl Exit‘ richtet sich letztlich nicht nur an Frauen, sondern ebenso an Männer - denn die darin beschriebenen Mechanismen betreffen unsere gesamte Gesellschaft.