Vom starken Wunsch nach echten Grenzen zur ideologischen Sackgasse

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ALLGEMEINES

Good Girl Exit ist das Debüt der queeren Autorin Silvi Carlsson (Jahrgang 1992). In diesem Werk verarbeitet sie ihre eigene Perspektive auf Partnerschaften und verknüpft persönliche Erfahrungen mit einer radikalen Abrechnung mit traditionellen Beziehungsstrukturen und gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen.

ZUM INHALT

Das Buch beginnt mit einer Analyse des bekannten „Good Girl“-Syndroms. Es beleuchtet, wie Frauen durch Mechanismen wie Scham, Schuld, den Male Gaze und die Stressreaktion "Fawn" dazu erzogen werden, brav, angepasst und stets verfügbar zu sein.
Im weiteren Verlauf spannt die Autorin den Bogen über Themen wie Datingkultur, die vermeintliche „Girlboss-Lüge“, den Mental Load und den Körper als Verfügbarkeitsobjekt.
Doch während der erste Teil noch bei klassischer Selbstreflexion ansetzt, wandelt sich der Ton im zweiten Teil fundamental.
Es folgen Aufrufe zum radikalen Beziehungsstreik, das Konzept, Männer konsequent aus dem Zentrum des eigenen Lebens zu rücken (Decenter Men), sowie weltpolitische Exkurse über vermeintliche Entzugs-Aktionen in Ländern wie Island und Liberia.
Im Epilog schlägt das Buch schließlich den Bogen zu medizinischen Themen und endet in der Offenlegung einer Autismus-Spektrum-Diagnose der Autorin.

MEINE MEINUNG

Der Einstieg in das Buch hat mich sofort abgeholt und angesprochen. Als ich es in meiner Buchhandlung gleich am Eingang entdeckte, habe ich mich so verstanden gefühlt in meiner aktuellen Phase des gesunden Grenzensetzens und des konsequenten Einstehens für meine eigenen Bedürfnisse – vor allem in meinen Freundschaften.

Die ersten Kapitel über Angepasstheit, Scham und den alltäglichen Druck fühlten sich unglaublich greifbar und wertvoll für mich an. Bingo, dachte ich.

Allerdings muss ich dazu sagen: Als heterosexuelle Leserin, die 20 Jahre älter ist als die Autorin, stieß ich im weiteren Verlauf schnell an meine Grenzen. Die zunehmende Verwendung eines „queeren“ Vokabulars und das spezifische ideologische Denken hinter vielen Begriffen blieben mir über weite Strecken fremd.

Das Buch verlässt seinen hilfreichen Pfad im Mittelteil und verstrickt sich in eine zunehmend dogmatische Ideologie, die mit meiner Lebensrealität wenig zu tun hat. Wenn plötzlich gefordert wird, Männer komplett aus dem Leben zu drängen, und historische sowie weltfremde Beispiele als Beweise für unsere westliche Gegenwart herangezogen werden, driftet das Ganze völlig ab.
Noch dazu werden die bewussten Entscheidungen von Müttern als „patriarchale Falle“ abgewertet – ein herber Schlag für jede Frau, die diesen Weg aus tiefster Überzeugung gewählt hat. Also auch für mich.

Besonders irritierend zieht sich das Thema Diagnosen durch das Werk: Es beginnt mit der ADHS-Diagnose der Autorin als Erklärungsansatz und wird im Epilog durch eine Autismus-Spektrum-Diagnose gekrönt. Die Autorin stellt hierbei gewagte Thesen auf (etwa, dass Autisten besonders empathisch seien) und nutzt diese Befunde scheinbar wie ein ideologisches Schutzschild.


FAZIT

Good Girl Exit fängt stark an, holt den (weiblichen oder als weiblich sozialisierte) Leser bei einem wichtigen Lebensthema ab und enttäuscht im weiteren Verlauf auf der ganzen Linie. Wer praktische, alltagstaugliche Hilfe beim Grenzensetzen sucht, wird hier in eine radikale Sackgasse geführt. Für eine heterosexuelle Leserin, die sich nicht in der queeren Nische bewegt, ist das Buch am Ende schlicht unmöglich zu lesen und für den Alltag nicht zu empfehlen.