Berührend
Diese Leseprobe hat mich sehr berührt und mit ihrer unaufgeregten, aber emotional dichten Atmosphäre eingenommen. Tayari Jones erzählt darin die Geschichte von Vernice, genannt Niecy, die 1941 im ländlichen Louisiana nach dem gewaltsamen Tod ihrer Mutter als Kleinkind verwaist und fortan von ihrer Tante Irene aufgezogen wird. Britt Somann-Jung hat den Text wunderbar ins Deutsche übertragen, wodurch die drückende Sommerhitze, der Geruch von eingekochtem Gemüse und der ganz eigene Tonfall der Südstaaten-Gemeinschaft unmittelbar spürbar werden. Vernice ist eine ungemein berührende Hauptfigur, ein trauma-geprägtes Kind, das jahrelang schweigt und dessen allererstes, schließlich herausgeschrieenes Wort ausgerechnet „MUTTER“ lautet. Beeindruckend ist auch das Geflecht der weiblichen Figuren, von Tante Irene, die trotz ihrer eigenen Träume im Norden mit pragmatischer Herzlichkeit die Verpflichtung für das Mädchen übernimmt, bis hin zu Vernices bester Freundin Annie. Beide Mädchen wachsen ohne Mutter auf, verarbeiten diesen Verlust jedoch auf ganz unterschiedliche Weise, womit die Leseprobe schmerzhaft aufzeigt, wie viel schwerer die Ungewissheit des Wartens wiegen kann als ein trauriger Abschied mit Gewissheit. Der Auftakt verspricht einen vielschichtigen, feinfühligen Roman über Herkunft, Verlust und weiblichen Zusammenhalt, der lange nachwirkt und den man am liebsten sofort weiterlesen möchte.