Herkunft, Freundschaft, Gesellschaft

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noiram Avatar

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Nach einem für mich etwas zögerlichen Beginn entwickelt Goodbye, Honeysuckle einen tollen Lesefluss. Tayari Jones erzählt darin die Geschichte von Annie und Niecy (Vernice), die beide im selben Ort unter ähnlich Bedingungen aufwachsen: ohne Eltern, aufgezogen von einer Großmutter bzw. einer Tante.
​Gelungen fand ich dabei die Charakterzeichnung der Erziehenden. Das Buch verzichtet auf einfache Schwarz-Weiß-Muster – die Ersatzmütter sind keine schlechten Menschen und geben im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Bestes. Jedoch überwiegt das Verantwortungsbewusstsein, das Pflichtgefühl und Annie und Niecy fehlt es an Geborgenheit.
​Durch die wechselnden Kapitelperspektiven taucht man sehr tief in die Innenwelten von Annie und Niecy ein. Als sie Honeysuckle verlassen, entwickeln sich ihre Leben in völlig unterschiedliche Richtungen: Während die eine unter denkbar harten Bedingungen ums Überleben kämpfen muss, versucht die andere, ihren Platz in einer Welt mit mehr Möglichkeiten zu finden.
​Darüber hinaus fängt der Roman die gesellschaftlichen Zwänge der Epoche hervorragend ein. Die Handlung fällt in die Zeit der Segregation. Eindrucksvoll ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der die Protagonistinnen die Rassentrennung im Alltag erleben – während Bürgerrechtsbewegungen an Fahrt gewinnen. Der Handlungsspielraum für Frauen war eingeschränkt und gesellschaftlicher Aufstieg konnte meist nur über eine Heirat herbeigeführr werden.
​Was die Geschichte zusammenhält, ist die tiefgründige und innige Freundschaft der beiden Frauen, die trotz der Distanz und der unterschiedlichen Lebensentwürfe nie abbricht. Sie bildet das eigentliche Herzstück des Romans.
​In der zweiten Hälfte gewinnt die Handlung spürbar an Dynamik. Dank der zugänglichen und klaren Sprache gelingt es spielend, sich in die Figuren hineinzuversetzen, obwohl ihre Lebenswelt weit von unserer heutigen entfernt ist. Ein berührendes Buch über Prägung, Identität, Klassenunterschiede und den Wert unerschütterlicher Verbundenheit.