Zwischen Renaissance-Flair und unausgeschöpftem Potenzial
Graceless Heart von Isabel Ibañez ist für mich so ein Buch, bei dem ich am Ende dachte: Da war richtig viel Potenzial – aber leider hat es mich nicht so erreicht, wie ich gehofft hatte. Die Mischung aus historisch angehauchter Fantasy, Magie, Edelsteinen, politischen Machtspielen und Romance klang für mich unglaublich spannend. Einige dieser Elemente haben auch wirklich gut funktioniert, insgesamt konnte mich die Geschichte aber leider nicht vollständig abholen. Es handelt sich um Band 1 der Spellbound Histories. Die Geschichte um Ravenna und Saturnino ist dabei in sich weitgehend eigenständig, gleichzeitig ist das Buch der Auftakt zu einer Reihe, die in derselben Welt weitere Geschichten erzählen soll.
Isabel Ibañez schreibt sehr bildhaft und atmosphärisch. Besonders die Beschreibungen der italienischen Renaissance haben mir gefallen. Man merkt, dass viel Wert auf das historische Flair gelegt wurde, und gerade die Verbindung von Kunst, Architektur, Religion und Fantasy besitzt einen ganz eigenen Charme. Allerdings war mir der Schreibstil stellenweise etwas zu ausschweifend. Manche Szenen und Gedanken wurden für mein Empfinden länger ausgeführt, als es notwendig gewesen wäre. Dadurch hatte die Geschichte für mich immer wieder kleine Längen.
Dabei ist die Grundidee wirklich interessant: Graceless Heart ist ein geschichtlich angehauchter Fantasy-Roman, der seine fiktive Geschichte in eine von der italienischen Renaissance inspirierte Welt setzt. Historische Atmosphäre trifft hier auf Magie, unsterbliche Familien, politische Konflikte und verborgene Kräfte.
Im Mittelpunkt steht Ravenna Maffei, eine junge Bildhauerin, die ihre Familie über alles stellt. Sie ist kreativ, loyal, mitfühlend und besitzt durchaus Mut. Gerade ihre Leidenschaft für die Bildhauerei fand ich schön umgesetzt, weil ihre Kunst nicht einfach nur ein Teil ihrer Persönlichkeit ist, sondern mit den fantastischen Elementen der Geschichte verbunden wird. Ravenna macht im Verlauf der Geschichte eine Entwicklung durch und muss sich zunehmend mit ihrer eigenen Magie, ihren Entscheidungen und den Konsequenzen ihres Handelns auseinandersetzen. Trotzdem hätte ich mir bei ihr an manchen Stellen mehr Konsequenz und Eigenständigkeit gewünscht. Gerade wenn sie eigentlich in einer Situation steckt, in der sie selbst die Initiative übernehmen müsste, kam sie mir teilweise überraschend passiv vor.
Saturnino dei Luni ist ihr männlicher Gegenpart und gleichzeitig eine der komplizierteren Figuren des Buches. Er ist zunächst kalt, kontrolliert, geheimnisvoll und definitiv jemand, dem Ravenna nicht ohne Weiteres vertrauen sollte. Hinter dieser Fassade steckt allerdings deutlich mehr.
Seine Entwicklung fand ich grundsätzlich interessant, allerdings konnte ich nicht jeden Schritt davon nachvollziehen. Teilweise hatte ich das Gefühl, dass sich seine Persönlichkeit sehr schnell verändert und der Übergang zwischen seinen unterschiedlichen Seiten etwas zu abrupt kommt.
Grundsätzlich mochte ich die Ausgangslage zwischen den beiden. Sie haben Konflikte, Misstrauen und unterschiedliche Interessen, wodurch zunächst eine gewisse Spannung entsteht. Gerade die Dynamik zwischen Ravens eher warmherziger Art und Saturninos kühler Persönlichkeit hätte meiner Meinung nach richtig viel hergeben können. Leider hat mich die romantische Entwicklung nicht vollständig überzeugt. Manche Schritte zwischen den beiden fühlten sich für mich zu schnell an, während andere Momente wiederum unnötig lange hinausgezögert wurden. Die Chemie war für mich zwar vorhanden, aber emotional bin ich nicht so tief in diese Beziehung eingestiegen, wie ich es mir gewünscht hätte.
Eines der Elemente, auf das ich mich besonders gefreut habe, war die Edelsteinmagie. Magische Steine und ihre unterschiedlichen Eigenschaften bilden einen wichtigen Bestandteil des Fantasy-Konzepts. Die Verbindung zwischen den Steinen, der Magie und den Kunstwerken fand ich kreativ und optisch beziehungsweise atmosphärisch sehr reizvoll. Gerade hier hätte ich mir allerdings mehr Tiefe gewünscht. Die Idee ist spannend, aber das Magiesystem blieb für mich teilweise hinter seinem Potenzial zurück. Es werden interessante Dinge angedeutet, doch ich hätte gerne noch besser verstanden, wie die Magie funktioniert, welche Grenzen sie besitzt und welche Konsequenzen sie tatsächlich hat.
Auch die Geheimnisse funktionieren grundsätzlich gut. Ravenna befindet sich in einer Welt, in der längst nicht jeder mit offenen Karten spielt. Die verschiedenen Machtgruppen, die Luni-Familie und die politischen Interessen sorgen dafür, dass man immer wieder überlegen kann, wem man eigentlich vertrauen sollte. Ich mochte, dass nicht sofort alles erklärt wird. Gleichzeitig waren es mir irgendwann fast etwas zu viele offene Fragen, sodass einige Enthüllungen für mich weniger wie ein clever vorbereitetes Puzzle und mehr wie eine Ansammlung von Informationen wirkten, die erst später zusammengefügt werden.
Mein persönliches Highlight war eindeutig das Setting. Die Renaissance-Atmosphäre, Florenz, die Kunst und die Verbindung zwischen historischer Welt und Fantasy haben dem Buch etwas Besonderes gegeben.
Auch die Grundidee rund um Ravenna als Bildhauerin und die magischen Edelsteine fand ich sehr originell. Dazu kommen politische Intrigen, verborgene Familiengeheimnisse und eine Welt, in der Magie nicht einfach offen zur Schau gestellt werden kann.
Leider hatte Graceless Heart für mich aber auch einige deutliche Schwächen. Das Pacing war für mich nicht konstant. Der Anfang konnte mich noch gut mitnehmen, danach hatte die Geschichte für mich immer wieder Phasen, in denen sie deutlich an Tempo verlor. Später kommen dann wieder viele Informationen, Entwicklungen und Konflikte relativ dicht hintereinander.
Auch die Charakterentwicklung hätte für mich stärker ausgearbeitet sein können. Gerade bei Saturnino hatte ich manchmal Schwierigkeiten, seine Veränderungen wirklich nachzuvollziehen. Bei Ravenna wiederum hätte ich mir häufiger gewünscht, dass sie ihre eigenen Möglichkeiten stärker nutzt und selbstbewusster Einfluss auf die Ereignisse nimmt. Die Romance war für mich ebenfalls nicht ganz rund. Die Ausgangssituation war spannend, aber die emotionale Entwicklung der beiden konnte mich nicht durchgehend überzeugen. Und obwohl ich das Magiesystem grundsätzlich interessant fand, blieb gerade die Edelsteinmagie für meinen Geschmack etwas zu wenig ausgearbeitet. Hier hätte ich mir mehr Regeln, Hintergründe und Konsequenzen gewünscht.
Unterm Strich ist Graceless Heart für mich ein Buch mit einer richtig starken Atmosphäre und vielen tollen Ideen, bei dem die Umsetzung aber nicht immer mit dem Potenzial der Grundidee mithalten konnte.
Ich mochte das Renaissance-Setting, die Kunst, Ravenna als Bildhauerin, die Edelsteinmagie und die geheimnisvolle Welt rund um die Luni-Familie. Auch die Mischung aus historischen Elementen, Fantasy, politischen Machtspielen und Romance hat mir grundsätzlich gefallen. Trotzdem konnte mich das Buch leider nicht so wirklich überzeugen und vor allem nicht richtig abholen. Dafür waren mir das Erzähltempo zu ungleichmäßig, einige Charakterentwicklungen zu wenig nachvollziehbar und die Romance an manchen Stellen zu abrupt. Auch das Magiesystem hätte für mich deutlich mehr Tiefe vertragen.
Schade aber leider wohl nicht mein Buch