Ein historischer Jugendkrimi mit Potenzial – leider mit Längen und Schwächen am Ende

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern Leerer Stern
claraveritas Avatar

Von

Ich habe das Buch gemeinsam mit meinem elfjährigen Sohn gelesen. Schon der Anfang hat uns beide sofort gefesselt: Die historischen Schauplätze, das detailreiche Nürnberg und die kluge, eigensinnige Greta, die sich nicht in die Frauenrolle ihrer Zeit fügt – all das war wunderbar lebendig und bildhaft beschrieben.

Besonders schön sind die Illustrationen, alten Stadtpläne und Skizzen, die den Text auflockern und das historische Gefühl verstärken. Der Einstieg hat uns richtig ins 19. Jahrhundert hineinversetzt, und mein Sohn wollte anfangs gar nicht aufhören zuzuhören.

Im Mittelteil jedoch verliert der Roman deutlich an Spannung. Viele Szenen bestehen aus Befragungen, langen Gesprächen und philosophischen Theorien über Kaspars Herkunft. Das ist durchaus interessant – man erfährt viel über die Denkweisen und Spekulationen jener Zeit – aber für ein Jugendbuch ab 12 wirkt es teilweise zu langatmig und handlungsarm.

Gegen Ende zieht die Handlung noch einmal an, doch die Auflösung hat mich persönlich enttäuscht. Die fiktive Lösung des Mordfalls wirkt konstruiert und inhaltlich wenig glaubwürdig. Es fühlt sich an, als habe der Autor sich bewusst für eine völlig neue Variante entschieden, ohne dass sie logisch oder emotional überzeugt.

Mein Sohn dagegen fand das Buch trotzdem spannend – vor allem wegen des historischen Falls selbst. Ihn fasziniert das Rätsel Kaspar Hauser sehr. Er hat sogar interessiert gefragt, ob es noch weitere Fälle von Greta Grimaldi gibt. Ich wäre dafür durchaus offen – Greta ist ein interessanter, eigenständiger Charakter, und ich könnte mir gut vorstellen, sie noch einmal in einem anderen historischen Zusammenhang zu erleben. Nur sollte die Handlung dann runder aufgelöst sein.

Trotz meiner Enttäuschung über das Ende würde ich also keineswegs sagen, dass der Autor schlecht schreibt – im Gegenteil: Stil, Atmosphäre und Figurenzeichnung sind stark, und man spürt, wie viel Recherche und erzählerische Fantasie in diesem Werk stecken.

Fazit

Ein atmosphärisch dichtes, historisch interessantes Buch mit viel Liebe zum Detail und einer ungewöhnlichen, klugen Heldin – aber mit einigen Längen und einer wenig überzeugenden Auflösung.

Für junge Leser*innen, die sich für Geschichte, Rätsel und alte Zeiten interessieren, sicher faszinierend. Für Erwachsene oder sehr leseerfahrene Jugendliche könnte der Roman aber inhaltlich zu konstruiert wirken.