außerhalb des Rahmens

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coffee2go Avatar

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Der Roman beginnt mit einer scheinbar harmlosen Situation, indem eine Frau nach dem Kinoabend mit ihrer Freundin nach Hause fahren will, durch eine Umleitung vom vertrauten Weg abkommt und sich nicht mehr dazu überwinden kann, umzudrehen und nach Hause zu fahren. Der Schreibstil ist distanziert, bewusst aus der Beobachtungsperspektive geschildert. Es werden keine realen Namen genannt, die Frau, der Mann, die Freundin der Frau, zwei Mädchen, sodass man als Leser*in das Gefühl hat, diese beobachtende Person zu sein. Ich habe mir schon lange nicht mehr so viele Notizen zu einem Buch gemacht und so viele Zitate für später herausgeschrieben.
Was als Umweg und intuitive Reise beginnt, wird zunehmend eine Reflexion der aktuellen Lebenssituation. Manches wird aus der Vergangenheit und Jugendzeit geschildert, vor allem Situationen mit der besten Freundin, vieles wird nur angedeutet und es bleibt immer Spielraum für Interpretationen. Was haben sich die beiden Freundinnen damals von ihrem Leben erhofft? Wie haben sie es sich vorgestellt, als sie damals weintrinkend auf der Mauer gesessen sind? Und was ist aus ihren Wünschen und Vorstellungen geworden?
Gewisse Szenen waren skurril, wie das Reh, das plötzlich über die Straße kam und totgefahren wurde. Dass die Frau das Sterben des Rehs mit ihr selbst in Verbindung bringt, löst bei ihr zuerst einen Tränenausbruch aus, bricht das Unterbewusstsein auf und öffnet die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst.
Machtmissbrauch und körperliche Misshandlung werden ebenfalls thematisiert, wenn auch häufig nicht direkt angesprochen. Auch die Müdigkeit, die sich mit der Zeit einstellt, wenn man keine Kraft mehr hat, sich aufzulehnen. Wenn man müde genug ist, ist alles andere egal und unwichtig. Den Anstoß zur ehrlichen Auseinandersetzung mit ihr selbst, wird durch die zwei Mädchen, die sie als Tramperinnen mitnimmt, gegeben.
Ein zentrales Thema für die Frau ist das Thema Kunst, wobei ihr spezielles Thema die Rahmen darstellen. Diese Metapher haben mir persönlich sehr gut gefallen. Die Frau versucht ihre Kunstwerke vom Rahmen aus zu entwickeln und zieht für sich die Erkenntnis, dass Frauen und ihre Empfindungen abhängig von den Rahmenbedingungen sind. Rahmen bilden Einschränkungen und diese sind für Frauen die Realität. Gerade deshalb will die Frau ihre Kunstwerke auch außerhalb des Rahmens weiterführen, aber sie musste erkennen, dass sie dann die Wand nicht mitnehmen konnte, das hat sie zutiefst frustriert und fast an ihrer Kunst und ihrer Lebenssituation verzweifeln lassen. Als Künstlerin ist sie gewohnt, einen gewissen Blick auf die Welt zu haben, die äußeren Eindrücke zu verarbeiten, sie in eine Form zu bringen. Ohne die Kunst wäre die Frau an ihren Beobachtungen und Gefühlen geplatzt, erstickt oder verrückt geworden.
Der Schluss ist melancholisch, fast schon traurig, aber auch mit einem kleinen Hoffnungsschimmer. Auf der einen Seite sieht sich die Frau alleine, sie hat niemanden, aber dann trifft sie dennoch auf ihre beste Freundin und die Hoffnung, dass sich die beiden wieder so ehrlich verstehen und annähern können, wie es in ihrer Jugendzeit der Fall war, bleibt vage.