Erzählung auf Abstand

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throughmistymarches Avatar

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Zu „Grüne Welle“ gibt es viele begeisterte Stimmen, aber ich habe ich damit leider eher schwergetan.
Die Ausgangssituation an sich ist aber schonmal sehr catchy: eine Frau fährt nachts nach einem Kinobesuch nach Hause, kommt durch eine Umleitung vom Weg ab, fährt aber immer weiter und weiter. Als Leser:in ist man allein im Auto mit der namenlosen Protagonistin und ihrer Gedankenwelt. Ein vielversprechender Beginn. Wovon fährt sie davon? Wo will sie hin?
Sprachlich empfand ich die vielen langen Schachtelsätze eher bremsend als vertiefend. Mehr Sinn hätte diese Satzstruktur für ich ergeben, wenn der Text konsequent als Stream of Consciousness verfasst worden wäre. So war es mir stellenweise ein bisschen zu konstruiert und hat eher dazu beigetragen, die Distanz zum Text zu verstärken. (Ich fühle mich direkt ein bisschen mies das zu schreiben, weil ich selbst oft zu Schachtelsätzen neige.)
Inhaltlich geht es spannend los, aber dann plätschert der an sich sehr kurze Roman über weite Strecken vor sich hin. Man versteht früh, worauf es hinausläuft, was grundsätzlich nicht stört, aber auch hier half mir die Distanz zum Text nicht. Gerade weil ich parallel einen anderen Roman mit ähnlicher Thematik gelesen habe, der emotional deutlich zugänglicher erzählt war, fiel mir das hier besonders auf.

Etwas mehr Fahrt bringen dann allerdings die beiden jungen Anhalterinnen in die Geschichte, die die Protagonistin mitnimmt. Hier war ich zum ersten Mal die Distanz verloren, vielleicht auch, weil die Frau sich nicht mehr nur passiv treiben lassen kann (wenn natürlich das stete Weiterfahren auch schon eine aktive Entscheidung gegen das Nachhause Fahren ist).
Beim Ende bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich es deuten soll. Einerseits lässt es viel Raum für Interpretation, andererseits verstärkt es aber auch das Gefühl, nie so ganz in die Geschichte hineingefunden zu haben.