Flucht in die Freiheit

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dany_87 Avatar

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„Grüne Welle“ ist der zweite Roman der Autorin Esther Schüttpelz. Auch diese Geschichte ist im Diogenes-Verlag erschienen, umfasst 208 Seiten und wurde am 25.02.2026 als Hardcover mit Leineneinband veröffentlicht.

In dem Roman begleiten wir eine Frau, die nach einem Kinobesuch mit ihrer Freundin zurück nach Hause zu ihrem Ehemann, einem Rechtsanwalt, fahren will und dann, auf Grund einer Straßensperrung, vom üblichen Heimweg abkommt. Schnell wird klar, dass sie sich verfahren hat und mit jeder kommenden Kreuzung nimmt sie sich vor, wenn die Ampel rot ist, auf ihrem Handy nach dem richtigen Weg zu suchen, doch alle Ampeln springen auf Grün um („Grüne Welle“) und so entfernt sie sich immer weiter von Zuhause.

Als Leser erfahren wir weder, wie die Frau heißt, noch wie alt sie ist oder wie sie aussieht. Diese bewusste Distanz impliziert, dass es jede beliebige Frau sein könnte.
Da man weite Strecken des Romans alleine mit der Frau im Auto sitzt, befinden wir uns als Leser hauptsächlich in der Gedankenwelt der Protagonistin. Wir erfahren, dass die Frau Künstlerin ist und in einer Kleinstadt lebt, dass die Hoffnungen und Ziele hatte und nun in einer Ehe mit einem kontrollierenden und auch gewalttätigen Mann zusammenlebt. Aus ihrem alten Leben ist ihr nur noch eine Freundin verblieben und auch diese trifft sie nur noch zu gelegentlichen Kinobesuchen. Wir erfahren außerdem, dass sie sich „schon immer für Grenzen begeistert hat“ (S. 24).

Mit jeder Kreuzung, die die Frau nicht zur Umkehr nutzt, verwandelt sich die Fahrt zu einer Flucht in die Freiheit und in eine ungewisse Zukunft.

Bereichernd fand ich die einzelnen Kapitel, die aus Sicht der Freundin der Frau geschrieben wurden. Dadurch bekommt man als Leser noch einmal einen Blick von außen auf die Auswirkungen, die sich durch die Entscheidung der Frau, nicht nach Hause zu fahren, ergeben. Und der Blickwinkel der Frau auf die Ehe und ihr Leben wird noch einmal bestärkt, was sie zu einer glaubwürdigeren Figur macht.

Während ich den Debütroman der Autorin sehr, sehr gelungen fand, hat mich „Grüne Welle“ nicht ganz so mitreißen können. Ich mag nach wie vor diesen ganz eigenen Schreibstil der Autorin und das dadurch kreierte Tempo.
Das Thema „häusliche Gewalt“ geht die Autorin an sich gut an. Es wird deutlich, wie schwierig – gar ausweglos – die Situation erscheint aus einer solchen Bindung auszubrechen und man kann sich, trotz der Distanz und Anonymität der Protagonistin, in sie hineinversetzen. Auch das offene Ende passt gut zur Handlung und Thematik, da es den wenigsten Frauen beim ersten Versuch gelingt, sich aus einer toxischen oder gewalttätigen Beziehung direkt zu lösen.
Ich mochte es auch, dass es in dem Roman viel um das Thema „Freundschaft“ geht. Wie sich diese im Laufe eines Lebens verändert und was sie aushalten kann und die Frage, wie sehr man sich in das Leben seiner Freunde einmischen kann oder sollte.
Trotzdem bleibt „Grüne Welle“ mir zu vage und obwohl wir im Grund nur in der Gedankenwelt der Protagonistin sind, habe ich bis zum Schluss nicht das Gefühl gehabt, sie und ihr Leben wirklich zu kennen.