Psychogramm einer unterdrückten Frau

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
bücherhexle Avatar

Von

Die namenlose Ich-Erzählerin hat sich mit ihrer einzigen Freundin zum Kinobesuch verabredet, anschließend setzt sie sich ins Auto, um nach Hause zu fahren. Es ist dunkel, sie gerät an eine Baustelle und verliert durch die Umleitung die Orientierung. Sie fährt und fährt, die Ampeln schalten auf Grün, so dass die Ich-Erzählerin keine Möglichkeit ergreift, um den Wagen zu wenden.

Wir folgen dem Gedankenstrom dieser Frau, der uns nach und nach vieles aus ihrem Leben preisgibt. Sie ist eine feministische Künstlerin, hat gerade eine Ausstellung in der Volkshochschule. Sie ist verheiratet, ihr Mann wird bestimmt zu Hause auf sie warten. Dummerweise ist der Akku ihres Smartphones leer, so dass sie ihn nicht erreichen kann. Im Wald läuft ihr ein Reh vors Auto. Ratlos packt sie das symbolträchtige tote Tier in den Kofferraum. An einer Tankstelle trifft sie zwei junge Rucksacktramperinnen und nimmt sie mit. Die Dialoge geben weiteren Aufschluss über die innere Not, in der sich die Frau befindet und zeigen, was sie früher einmal für ein lebhafter, selbstbewusster Mensch war. In der Anwesenheit der jungen Tramperinnen fühlt sie sich noch einmal jung, als hätte sie das Leben noch vor sich. Ihr Mann, nach außen hin ein angesehener Anwalt, unterdrückt seine Frau offensichtlich. Er beschränkt ihre Freiheit, ihren Freundeskreis, ihren Wirkradius. Er will sie unter seiner Kontrolle haben, ob er auch körperliche Gewalt anwendet, bleibt unklar. Die Frau hat Angst vor dem Zorn ihres Gatten. Sie hat Angst, ihn zu verlassen, aber auch, zu ihm zurückzukehren.

Aber ist die Frau nicht schon dabei, sich äußerlich wie innerlich von ihrem Mann zu entfernen? Der Leser hofft es im Stillen, wird aber im Ungewissen darüber gelassen, was die Frau konkret vorhat, sie weiß es wohl selbst nicht. Man taucht tief in die Gedanken der rastlosen Erzählerin ein, in denen sich Gegenwart und Vergangenheit immer wieder die Hand reichen. Parallel zum Roadtrip setzt sich die Freundin der Frau in Bewegung, um mit dem Ehemann Kontakt aufzunehmen.

Diese überaus raffinierte Komposition zeigt anschaulich, was Gewalt mit einem Menschen macht. Als Leser muss man die gelieferten Fragmente zusammensetzen, um einen Blick auf das Ganze werfen zu können. Vieles ergibt sich nur aus Andeutungen, schließlich macht sich die Erzählerin sich und anderen etwas vor. Sie spielt eine Rolle, mit der sie die bürgerliche Fassade aufrechterhält. Niemand soll etwas merken.

Schüttpelz schreibt verdichtet, jeder Satz ist wohl überlegt. Als Leser muss man zwischen die Zeilen schauen, um den Symbolgehalt und den doppelten Boden des Textes zu ergründen. Namen gibt es keine, was für das Universelle, das Vergleichbare an der geschilderten Situation stehen kann. Man liest den Roman, dessen Sogkraft man sich kaum entziehen kann, mit einer gewissen Bedrückung und möchte wissen, ob sich die Frau vom Joch ihres Ehemanns befreien kann. Am Ende wissen wir es. Oder wissen wir es nicht? Esther Schüttpelz lässt Leerstellen, die zum Nachdenken und gemeinschaftlichen Diskutieren einladen.

Ich freue mich, eine so außergewöhnliche Autorin kennengelernt zu haben, von der wir hoffentlich noch vieles hören bzw. lesen werden. „Grüne Welle“ ist keine Unterhaltungslektüre, sondern tiefgründige Literatur, die den Blick aus der Komfortzone herausführt und hoffentlich das eigene Bewusstsein in Bezug auf Gewalterfahrungen sensibilisiert.