Weiterfahren oder umkehren?
„Grüne Welle“ von Esther Schüttpelz hatte mich vom Klappentext her stark angesprochen.
Das Buch handelt von einer (zunächst) namenlosen Frau, die nach dem gemeinsamen Kinobesuch mit ihrer besten Freundin auf der Heimfahrt mit dem Auto durch eine Umleitung vom Weg abkommt. Sie verpasst eine Ausfahrt nach der anderen und fährt immer weiter, entfernt sich immer weiter von ihrem Heim und ihrem Mann, der dort auf sie wartet. Und mit jeder Seite wird klarer, dass dort auch eine Gefahr auf sie wartet.
„Wie konnte mir das passieren, fragte die Frau sich jetzt, und sie fragte sich das tatsächlich zum ersten Mal. Was habe ich getan, und warum und womit habe ich das verdient? Den letzten Teil ihrer Frage nahm sie zurück, der war ihr zu blöd, denn natürlich wusste die Frau, dass es nichts brachte zu fragen, womit man irgendetwas verdient oder nicht verdient hatte. Was also habe ich getan und wieso? Die Frau merkte gleich, dass es für diesen Moment genug war, die Frage zu stellen, allein ihr Aussprechen sie in einen Zustand größten Selbstmitleids katapultierte, in dem sie unmöglich imstande sein würde, auch noch eine Antwort zu finden. Sie hatte sich noch nie als so etwas Kleines, Liebenswürdiges wahrgenommen wie ein Reh. Vielleicht war das einer der Gründe dafür, dass man sie auch nie so behandelt hatte, dass sie auf die ersten Gewaltakte mit aus jetziger Sicht gespenstischer Gleichgültigkeit reagiert hatte. Nein, dachte die Frau, ich habe immer gewusst, dass die Schläge, die Tritte, der Würgegriff – ihr wurde auf einmal ganz eng in der Brust –, dass das alles nicht richtig ist, dass ich das nicht verdient habe, weil es niemand verdient hat, aber was hat das schon zu bedeuten? Man kriegt eben nicht immer nur, was man verdient.“
Im Laufe der ziellosen Autofahrt sammelt die Protagonistin zwei junge Anhalterinnen auf und muss sich zudem fragen, ob es nicht besser wären, nie wieder zu ihrem Mann zurückzukehren … aber wird sie es schaffen, einfach immer weiterzufahren und neu anzufangen?
„Wo sollte sie denn bitte schön hin? Eine pathetische Künstlerin, die rote Töne in Rahmen malt, weil sie nicht ausdrücken kann, was sie eigentlich sagen will?
‚Du gehst nirgendwohin!‘, hörte die Frau eine vertraute Stimme in ihrem Inneren zu sich sagen.
Wie sollte sie jemals irgendjemandem alles erzählen, und wie sollte sie es ertragen, alles für sich zu behalten? Die Frau fühlte sich vollkommen ausgebrannt. Der Effekt von Durst, Hunger und Müdigkeit machte sich bemerkbar. Sie zitterte und hätte nicht sagen können, ob es sich dabei um eine psychische oder physische Reaktion handelte. Es war alles eine riesige Katastrophe. Sie hätte nie wegfahren sollen.
Es wird für das alles schon irgendeine Erklärung geben, dachte die Frau vage. Vor allem aber dachte sie an ihr Bett, warm und vertraut, und an den tiefen Schlaf, den sie schlafen würde, wenn sie erst einmal wieder zu Hause war. Zu Hause. Der Stau hatte sich aufgelöst. Die Frau drückte fest auf das Gaspedal. Was soll’s, dachte sie, und was sollte schon jemals etwas. Sie war eine Künstlerin und eine Frau. Eine sensible Seele. Da musste man eben Abstriche machen. Dinge in Kauf nehmen. Sich seinen Weg bahnen. Ihr Weg führte zurück nach Hause.“
Puh, gerade auf den ersten Seiten fand ich den Schreibstil wahnsinnig anstrengend zu lesen!
Sehr, sehr lange Sätze, „Wurmsätze“; der Satzbau anspruchsvoll bis schwer zugänglich.
Fast hätte ich das Buch gleich wieder abgebrochen, das gebe ich zu.
Dann war ich aber doch neugierig, wie die Geschichte weitergeht.
Am Ende des Buchs bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Das Buch ist ungewöhnlich, es war eine interessante Leseerfahrung. Dabei ist die Umsetzung des Themas mal was ganz anderes, konnte mich persönlich jedoch nur bedingt abholen. Mir fehlte es hier ein wenig an Emotionalität. Ich vergebe 3 von 5 Sternen
Herzlichen Dank an den dtv Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!
Das Buch handelt von einer (zunächst) namenlosen Frau, die nach dem gemeinsamen Kinobesuch mit ihrer besten Freundin auf der Heimfahrt mit dem Auto durch eine Umleitung vom Weg abkommt. Sie verpasst eine Ausfahrt nach der anderen und fährt immer weiter, entfernt sich immer weiter von ihrem Heim und ihrem Mann, der dort auf sie wartet. Und mit jeder Seite wird klarer, dass dort auch eine Gefahr auf sie wartet.
„Wie konnte mir das passieren, fragte die Frau sich jetzt, und sie fragte sich das tatsächlich zum ersten Mal. Was habe ich getan, und warum und womit habe ich das verdient? Den letzten Teil ihrer Frage nahm sie zurück, der war ihr zu blöd, denn natürlich wusste die Frau, dass es nichts brachte zu fragen, womit man irgendetwas verdient oder nicht verdient hatte. Was also habe ich getan und wieso? Die Frau merkte gleich, dass es für diesen Moment genug war, die Frage zu stellen, allein ihr Aussprechen sie in einen Zustand größten Selbstmitleids katapultierte, in dem sie unmöglich imstande sein würde, auch noch eine Antwort zu finden. Sie hatte sich noch nie als so etwas Kleines, Liebenswürdiges wahrgenommen wie ein Reh. Vielleicht war das einer der Gründe dafür, dass man sie auch nie so behandelt hatte, dass sie auf die ersten Gewaltakte mit aus jetziger Sicht gespenstischer Gleichgültigkeit reagiert hatte. Nein, dachte die Frau, ich habe immer gewusst, dass die Schläge, die Tritte, der Würgegriff – ihr wurde auf einmal ganz eng in der Brust –, dass das alles nicht richtig ist, dass ich das nicht verdient habe, weil es niemand verdient hat, aber was hat das schon zu bedeuten? Man kriegt eben nicht immer nur, was man verdient.“
Im Laufe der ziellosen Autofahrt sammelt die Protagonistin zwei junge Anhalterinnen auf und muss sich zudem fragen, ob es nicht besser wären, nie wieder zu ihrem Mann zurückzukehren … aber wird sie es schaffen, einfach immer weiterzufahren und neu anzufangen?
„Wo sollte sie denn bitte schön hin? Eine pathetische Künstlerin, die rote Töne in Rahmen malt, weil sie nicht ausdrücken kann, was sie eigentlich sagen will?
‚Du gehst nirgendwohin!‘, hörte die Frau eine vertraute Stimme in ihrem Inneren zu sich sagen.
Wie sollte sie jemals irgendjemandem alles erzählen, und wie sollte sie es ertragen, alles für sich zu behalten? Die Frau fühlte sich vollkommen ausgebrannt. Der Effekt von Durst, Hunger und Müdigkeit machte sich bemerkbar. Sie zitterte und hätte nicht sagen können, ob es sich dabei um eine psychische oder physische Reaktion handelte. Es war alles eine riesige Katastrophe. Sie hätte nie wegfahren sollen.
Es wird für das alles schon irgendeine Erklärung geben, dachte die Frau vage. Vor allem aber dachte sie an ihr Bett, warm und vertraut, und an den tiefen Schlaf, den sie schlafen würde, wenn sie erst einmal wieder zu Hause war. Zu Hause. Der Stau hatte sich aufgelöst. Die Frau drückte fest auf das Gaspedal. Was soll’s, dachte sie, und was sollte schon jemals etwas. Sie war eine Künstlerin und eine Frau. Eine sensible Seele. Da musste man eben Abstriche machen. Dinge in Kauf nehmen. Sich seinen Weg bahnen. Ihr Weg führte zurück nach Hause.“
Puh, gerade auf den ersten Seiten fand ich den Schreibstil wahnsinnig anstrengend zu lesen!
Sehr, sehr lange Sätze, „Wurmsätze“; der Satzbau anspruchsvoll bis schwer zugänglich.
Fast hätte ich das Buch gleich wieder abgebrochen, das gebe ich zu.
Dann war ich aber doch neugierig, wie die Geschichte weitergeht.
Am Ende des Buchs bleibe ich etwas zwiegespalten zurück. Das Buch ist ungewöhnlich, es war eine interessante Leseerfahrung. Dabei ist die Umsetzung des Themas mal was ganz anderes, konnte mich persönlich jedoch nur bedingt abholen. Mir fehlte es hier ein wenig an Emotionalität. Ich vergebe 3 von 5 Sternen
Herzlichen Dank an den dtv Verlag und Netgalley für das Rezensionsexemplar!