Wellenreiten

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Eine namenlose Frau reitet in einem alten Golf auf einer grünen Welle in die Nacht hinein. Bei der ersten roten Ampel will sie umkehren, ganz bestimmt. Aber die rote Ampel kommt nicht.
Das ist die Prämisse von Esther Schüttpelz' zweitem Roman. Eine Autofahrt ins Ungewisse. Kein gewöhnlicher Roadtrip, sondern ein dichter, auktorialer Monolog über eine Flucht, weibliche Lebensrealität und Kunst.

Beim Lesen habe ich oft gedacht: "Was ist das für eine tolle Geschichte?" Die Autorin hat einen sehr experimentellen und irgendwie neuartigen Ansatz gewählt. Phasenweise hat mir das wirklich gut gefallen. Der Text hat sowohl auf der Handlungs- als auch auf der Metaebene großartige Momente.

Zwischenzeitlich hat er mich aber auch immer wieder verloren. Ich habe das Gefühl, dass gerade wegen dieser dichten und distanzierten Perspektive Potenzial auf der Strecke geblieben ist. Dass die Geschichte, wäre sie an manchen Stellen klassischer erzählt worden, an Kraft gewonnen hätte. Gerade zum Ende hin hat sich dieser Eindruck verhärtet. Es sind so viele Fragen offen geblieben. Ich mag offene Enden grundsätzlich, aber dieses hat sich fast schon lose angefühlt, so schnell kam es. Trotz der distanzierten Erzählweise, in der Figuren keine Namen haben (brauchen sie auch nicht), wurde einiges an Charakterbildung betrieben. Vielleicht war diese schlussendlich noch zu wenig, oder nicht präzise genug gesetzt, um die Sache wirklich rund zu machen.

Meine eigene Kritik ärgert mich, weil mir die Geschichte in ihrer ganzen Handlungsstruktur, sowie auch die Stimmungsfarbe des Texts wirklich extrem gut gefällt.
Ein kurzer, prägnanter Roman kann unglaublich kraftvoll sein. Auch wenn oder gerade weil ich dieses Buch wirklich mag, hätte ich mir gewünscht, dass es seine Welle noch etwas länger reitet. (3,75 Sterne)