Zwischen literarischem Experiment und emotionaler Distanz

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nikko_yarop Avatar

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Grüne Welle von Esther Schüttpelz beginnt mit einem unerwarteten Roadtrip. Nach einem Kinobesuch verfährt sich die zunächst noch namenlose Frau und fährt immer weiter von ihrem Zuhause und ihrem Ehemann weg. Die scheinbar einfache Autofahrt entwickelt sich zu einer Reise, in der sie ihr Leben überdenkt und den Leser immer mehr an sich und ihren Gedanken teilhaben lässt, bis sie schließlich wieder abblockt.

Besonders spannend war auch die Entscheidung den Charakteren keine Namen zu geben, außer zwischenzeitlich der Protagonistin und diese dann schließlich wieder nur als „die Frau“ zu beschreiben gegen Ende des Buches. Dass die meisten Orte keinen Namen hatten, war in Anbetracht des spontanen Roadtrips ohne Handy nur logisch. Die Figuren wirken stark schematisiert. Die sensible, verunsicherte Künstlerin als Protagonistin, die urbane, herablassende Freundin und der gewalttätige, kunstverachtende Anwalt Ehemann erscheinen klischeehaft. Auch die beiden jungen Frauen, die sie eine Zeit lang begleiten wirken wie Typische Vorstellung von jungen Menschen der heutigen Zeit. Ich konnte mich nicht besonders in die Personen hineinversetzten und es entsteht kaum emotionale Nähe. Die Charaktere bleiben fremd und werden mit zunehmenden Geschichtsverlauf eher unsympathisch.

Der Schreibstil ist eigenwillig und prägend, die langen, verschachtelten Sätze, gedankliche Schleifen und ein distanzierter Erzählduktus, der stark an einen inneren Monolog erinnert. Das ist literarisch interessant, aber auch anstrengend zu lesen und nicht immer leicht zugänglich. Zwar wirkt die Sprache klar, ehrlich und ungefiltert, doch bleiben die Gedanken der Protagonistin oft erwartbar und gewinnen selten an Tiefe oder Überraschung. Thematisch jedoch greift der Roman hochrelevante Aspekte auf, wie Selbstverlust, häusliche Gewalt, unerfüllte Träume und die Frage nach einem möglichen Neuanfang. Gerade deshalb hinterlässt das Buch sehr ernüchtert, denn das offene Ende und das große Potenzial der Themen werden nicht voll ausgeschöpft.

Am Ende bleibt „Grüne Welle“ ein ungewöhnlicher, formal interessanter Roman, der in 24 Stunden eine Momentaufnahme eines Lebens zeichnet. Wer experimentelle Erzählweisen und subjektive Gedankengänge schätzt, kann hier eine spannende Leseerfahrung machen. Wer jedoch emotionale Tiefe, psychologische Vielschichtigkeit und greifbare Figuren sucht, dürfte trotz guter Idee und passendem Titel enttäuscht zurückbleiben.