Die Kunst des Zusammentreffens

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Der Beginn des Romans von Tanja Kokoska hat mich sofort in den Bann gezogen, vor allem durch die ungewöhnliche Perspektive. Die Geschichte startet mit einem Blick von oben auf die Siedlung „Am Kastanienbaum“, was den Leser wie einen Beobachter über dem Geschehen schweben lässt. Besonders faszinierend finde ich den Gedanken, wie Sekunden darüber entscheiden, ob Menschen einander begegnen oder einsam aneinander vorbeileben.
Die Sprache der Autorin ist dabei klar, unaufgeregt und dennoch sehr bildhaft. Sie schafft es, alltägliche Situationen wie einen Zahnarztbesuch so intensiv zu beschreiben, dass man das Türkisblau der Praxis und das Surren des Bohrers fast selbst spüren kann. Besonders die Figur der Ina hat es mir angetan: Eine Frau, die nach außen hin durch ihre Tattoos und ihre Größe stark wirkt, innerlich aber mit Ängsten, den Veränderungen ihres Körpers und der Sorge vor dem Alleinsein kämpft.
Die Mischung aus Melancholie – etwa wenn Herr Bello jeden Morgen den Platz seiner verstorbenen Frau leer vorfindet – und hoffnungsvollen Momenten, wie der unerwarteten Empathie des jungen Zahnarztes, macht den Einstieg sehr emotional. Das Geheimnis um Henrys Vater „Pixie“ und die im Asphalt verborgene Fliegerbombe bauen zudem eine subtile Spannung auf. Nach Abschluss der Leseprobe bin ich sehr neugierig, wie sich die Wege dieser einsamen Seelen in der Siedlung kreuzen werden und ob die „Bombe“ – im übertragenen wie im wörtlichen Sinne – noch platzen wird. Ich möchte unbedingt wissen, wie es weitergeht.