Die Kunst, einander wirklich zu sehen

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testing-sasa Avatar

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Was für ein Einstieg. Tanja Kokoska beginnt ihren Roman mit einem Blick von oben, auf eine ganze Siedlung, die Tür an Tür leben und doch meist aneinander vorbei. Und schon in diesen ersten Seiten spürt man, worum es wirklich geht: um die hauchdünne Membran zwischen Einsamkeit und Verbindung, zwischen dem Leben, das man führt, und dem, das einem gerade so entglitten ist. Der Schreibstil ist das Erste, was einen wirklich überrascht. Kokoska schreibt mit einer stillen Präzision, die gleichzeitig zärtlich und lakonisch ist. Einzelne Sätze sitzen so fest, dass man kurz innehalten muss.
Was mich wirklich mitgerissen hat, ist die Konstruktion des Romans. Kokoska webt aus scheinbar unverbundenen Leben ein feines Netz. Ina, Herr Bello, Samy, Herr García, der noch auf sein Skelett wartet, sie alle bewohnen dieselbe Welt, ohne es zu wissen, und man liest mit der wachsenden Ahnung, dass irgendetwas sie zusammenführen wird. Die Bombe unter der Straße tickt dabei ganz buchstäblich im Hintergrund.
Auf das Weiterlesen freue ich mich sehr. Nicht wegen großer Spannungsbögen, sondern wegen der leisen Frage, die der Roman von Anfang an stellt: Was braucht es eigentlich, damit Menschen wirklich miteinander in Berührung kommen?