eine Geschichte, so wunderbar wie Apfelkompott

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kerstin aus obernbeck Avatar

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Guten Morgen, schönes Wetter heute – Tanja Kokoska
 
Wir befinden uns in der Siedlung „Am Kirschbaum“, in der 1.583 Menschen leben - irgendwo in einer großen Stadt. Eine der Menschen ist Ina, die tagsüber als Tätowiererin arbeitet und die Abende mit dem Zweitjob an der Hotelrezeption verbringt, um ihren Sohn Henry und sich über die Runden zu bringen. In Herzensangelegenheiten sieht‘s bei ihr mau aus, Henrys Vater hätte die große Liebe sein können, jedoch haben unglückliche Umstände dies verhindert und so muckelt sie sich mit Mut, dem Willen weiterzumachen, Humor und einem guten Musikgeschmack durchs Leben:
 
„Sie liebte Depeche Mode immer noch.“ (S.23)
 
In der Siedlung wohnen auch Frau Kaiser, deren Sohn Roland im fernen Japan lebt und die abends, um der Einsamkeit zu entfliehen und um mit jemandem zu reden, in Hotels anruft, und Herr Bello, der eigentlich anders heißt, aber das ist egal, denn auch er ist nach dem Tod seiner Frau allein: mit sich und mit dem Wunsch, in einem Faltenrock zu tanzen.
 
Bei Samy, dem Wirt der Gaststätte „Zum Plaudern“, drehen sich die Gedanken um Gesundheitsthemen und im Lebensmittelladen von Familie Arslan gibt es allerlei Geheimnisse.
 
Neu in der Siedlung ist Herr Krämer. Er ist in die Wohnung von Inas Eltern gezogen, alles andere als ein Sympathieträger und null kompatibel mit dem kleinen Mikrokosmos der Siedlung.
 
Sie alle haben ihren Alltag, ihre Sorgen, die glücklichen und die anderen Momente. Sie kennen einander nur wenig oder flüchtig – doch nach und nach passiert etwas in ihrem Leben. Dinge verändern sich.
Dann findet der Baggerfahrer Paco bei Bauarbeiten eine Weltkriegsbombe, die Siedlung wird evakuiert und aus dieser Situation heraus entsteht eine besondere Situation, die die Menschen einander näherbringt.
 
„Man muss zusammenhalten, so schwer das fällt, denkt sie. Dieser Mann sieht aus, als verstünde er etwas davon. Und auch von geblümter Sehnsucht. Er hat so etwas im Blick.“ (S.87)
 
Geblümte Sehnsucht – ich liebe diese Formulierung.
Bei den Menschen in der Geschichte gibt es sehr viel von dieser Sehnsucht, ebenso wie Geheimnisse, Wünsche und Träume, und Tanja Kokoska erzählt warmherzig und lebhaft davon. Ich könnte nicht einmal sagen, wer mir mehr ans Herz gewachsen ist: Frau Kaiser, die bezaubernde ältere, mitunter leicht vergessliche Dame, Herr Arslan, der sich morgens nach dem Besuch auf dem Großmarkt eine kleine, besondere Auszeit erlaubt, oder seine Frau, die Menschen mit Botschaften in Lebensmittelverpackungen glücklich machen möchte. Oder Ina, eine Protagonistin, die mir nicht nur aufgrund ihres großartigen Musikgeschmacks sympathisch ist.
 
„Ina mag Apfelkompott.“ Das klingt nach Liebe. Endlich einmal nach Liebe. (S40)
 
Mir hat der Ausflug in die Siedlung „Am Kirschbaum“ richtig gut gefallen, denn ich mag es, wie die Geschichten langsam ineinander übergehen, die Menschen einander näherkommen und zusammen weniger allein sind. Natürlich verrate ich nicht, ob sich bei Ina in Herzensdingen etwas ergibt… das müsst ihr schon selbst herausfinden.
 
Ein Zitat von „Element of Crime“, Depeche Mode und The Cure (ja, der beste aller Roberts kommt auch in dem Buch vor) und hin und wieder unnützes Wissen:
 
„In der Londoner U-Bahn bleiben jedes Jahr achtzigtausend Regenschirme liegen“, merkte Frau Arslan an. (S.36)
 
Die Kapitel haben schöne Überschriften, es werden Rilke-Gedichte versteckt und sich gemeinsam mutig gegen einen unangenehmen Menschen zur Wehr gesetzt. Einfach wunderbar.
 
„Guten Morgen, schönes Wetter heute“ ist eine Geschichte, in der ich mich beim Lesen absolut zuhause und sehr wohl gefühlt habe. Die Charaktere sind mitten aus dem Leben gegriffen, ihre Geschichten ehrlich und nachvollziehbar.
 
Große, herzliche Leseempfehlung!