Herzerwärmend
Ina rennt aus dem Haus, fünf Minuten später, als sie wollte. Sie hetzt einmal um den Block, vorbei an der Obst- und Gemüseauslage der Arslans vor der Zweiundzwanzig. Entlang am Erdgeschoss von Frau Kaiser, die sich vor dem Kühlschrank bückt und die Butter nicht findet, in der Fünfundachtzig. Abgehetzt kommt sie auf dem Behandlungsstuhl ihres Zahnarztes zum Sitzen. Der Blick an die Decke zeigt ihr zwei planschende Delfine, die sich des Lebens freuen.
Ihr Sohn Henry hatte sie heute Morgen mit Kaffee und Müsli geweckt, sie an den Zahnarzt erinnert und daran, dass sie sich ausgiebig die Zähne putzen soll. Sie weiß, dass es umgekehrt sein sollte, aber sie liebt, wie er sich kümmert. Das wird schon bald vorbei sein, denn er schreibt seine letzte Abiturklausur. Schon bald wird er ausziehen und sie fürchtet sich vor dem Alleinsein.
Herr Bello aus der Sechsunddreißig schläft lieber länger, damit der Tag kürzer ist. Seine Frau ist schon vor einigen Jahren gegangen, Knoten in der Brust zu spät erkannt, ging dann ziemlich schnell. Er erwartet nichts mehr vom Leben, vertreibt sich die Zeit gerne mit Malen nach Zahlen, das entspannt ihn so schön.
Frau Kaiser ist seit zwanzig Jahren Witwe und darüber ist sie ganz froh. Ihr Mann war nicht immer nett zu ihr. Sie schaut am liebsten nach vorn. Das hat sie im Krieg gelernt, als sie mit ihrer Mutter flüchtete und eine Bombe ihr Haus traf. Schau nicht zurück, hatte die Mutter gesagt. Sie wohnt im Erdgeschoss und ist die einzige mit einem kleinen eingezäunten Garten, drei mal fünf Meter misst der. Dort blühen gerade Klatschmohn und Gänseblümchen und es brummt und summt, wie nirgends in der Siedlung „Am Kastanienbaum“.
Fazit: Tanja Kokoska, freischaffende Journalistin und Autorin, ist mit ihrem Debüt ein ungemein warmherziger Roman gelungen. Ihre Hauptprotagonistin ist alleinerziehende Mutter, die mehrere Jobs wuppt, um über die Runden zu kommen. Sie hat einen ungemein sympathischen Sohn, der den Vater vermisst, den er nie hatte. Sie leben in einer runtergerockten Siedlung, die einmal von amerikanischen Besatzern bewohnt war. In der näheren Nachbarschaft Ines lebt die türkische Familie Arslan, die einen kleinen Laden betreibt und ganz eigene Probleme hat. Die alte Frau Kaiser, die schlecht zu Fuß und vergesslich ist. Der Herr Bello, der Frauenkleider auch der feinen Stoffe wegen liebt und der Herr Thirugnanasampanthan, was niemand aussprechen kann und der deswegen Samy genannt wird. Er kommt aus Sri Lanka und betreibt die Gaststätte „Zum Plaudern“. In der Siedlung leben 1584 Menschen, die sich kaum begegnen. Jeder lebt sein eigenes Leben. Die Autorin erzählt die Geschichten von acht Menschen, lässt sie sich näherkommen und verbindet sie miteinander. Jede*r von ihnen ist ganz individuell gezeichnet, hat Bedürfnisse und Befürchtungen. In diesem Buch findet sich Toleranz, Zusammenhalt, Freundschaft und zarte Bande, die geknüpft werden, neben rechter Weltanschauung und dem Sterben und alles findet seinen richtigen Platz. Wundervolle Unterhaltung, regelrecht liebevoll. Der Schreibstil hat mich ein bisschen an das ebenfalls wundervolle Buch „Treppe aus Papier“ erinnert.
Ihr Sohn Henry hatte sie heute Morgen mit Kaffee und Müsli geweckt, sie an den Zahnarzt erinnert und daran, dass sie sich ausgiebig die Zähne putzen soll. Sie weiß, dass es umgekehrt sein sollte, aber sie liebt, wie er sich kümmert. Das wird schon bald vorbei sein, denn er schreibt seine letzte Abiturklausur. Schon bald wird er ausziehen und sie fürchtet sich vor dem Alleinsein.
Herr Bello aus der Sechsunddreißig schläft lieber länger, damit der Tag kürzer ist. Seine Frau ist schon vor einigen Jahren gegangen, Knoten in der Brust zu spät erkannt, ging dann ziemlich schnell. Er erwartet nichts mehr vom Leben, vertreibt sich die Zeit gerne mit Malen nach Zahlen, das entspannt ihn so schön.
Frau Kaiser ist seit zwanzig Jahren Witwe und darüber ist sie ganz froh. Ihr Mann war nicht immer nett zu ihr. Sie schaut am liebsten nach vorn. Das hat sie im Krieg gelernt, als sie mit ihrer Mutter flüchtete und eine Bombe ihr Haus traf. Schau nicht zurück, hatte die Mutter gesagt. Sie wohnt im Erdgeschoss und ist die einzige mit einem kleinen eingezäunten Garten, drei mal fünf Meter misst der. Dort blühen gerade Klatschmohn und Gänseblümchen und es brummt und summt, wie nirgends in der Siedlung „Am Kastanienbaum“.
Fazit: Tanja Kokoska, freischaffende Journalistin und Autorin, ist mit ihrem Debüt ein ungemein warmherziger Roman gelungen. Ihre Hauptprotagonistin ist alleinerziehende Mutter, die mehrere Jobs wuppt, um über die Runden zu kommen. Sie hat einen ungemein sympathischen Sohn, der den Vater vermisst, den er nie hatte. Sie leben in einer runtergerockten Siedlung, die einmal von amerikanischen Besatzern bewohnt war. In der näheren Nachbarschaft Ines lebt die türkische Familie Arslan, die einen kleinen Laden betreibt und ganz eigene Probleme hat. Die alte Frau Kaiser, die schlecht zu Fuß und vergesslich ist. Der Herr Bello, der Frauenkleider auch der feinen Stoffe wegen liebt und der Herr Thirugnanasampanthan, was niemand aussprechen kann und der deswegen Samy genannt wird. Er kommt aus Sri Lanka und betreibt die Gaststätte „Zum Plaudern“. In der Siedlung leben 1584 Menschen, die sich kaum begegnen. Jeder lebt sein eigenes Leben. Die Autorin erzählt die Geschichten von acht Menschen, lässt sie sich näherkommen und verbindet sie miteinander. Jede*r von ihnen ist ganz individuell gezeichnet, hat Bedürfnisse und Befürchtungen. In diesem Buch findet sich Toleranz, Zusammenhalt, Freundschaft und zarte Bande, die geknüpft werden, neben rechter Weltanschauung und dem Sterben und alles findet seinen richtigen Platz. Wundervolle Unterhaltung, regelrecht liebevoll. Der Schreibstil hat mich ein bisschen an das ebenfalls wundervolle Buch „Treppe aus Papier“ erinnert.