Gym

Ehrlich gesagt hatte ich mir von diesem Buch etwas mehr erwartet

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lesefin__ Avatar

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Verena Keßler: GYM

Ehrlich gesagt hatte ich mir von diesem Buch etwas mehr erwartet … vielleicht, weil ich Verena Keßlers Roman „Eva“ so gern gelesen habe.
Und dann kommt GYM daher und zieht mich erstmal in eine Welt, die nicht gerade Wellness ist. Lügen, Täuschungen, der Zwang, immer funktionieren zu müssen, Ehrgeiz bis zum Anschlag… kein Wohlfühlroman, sondern einer, der einem ordentliches Gewicht auf die Schultern packt und bei dem man schön ins Schwitzen kommt.

Im Zentrum steht eine junge, ehrgeizige Protagonistin, die beginnt, im „Mega Gym“ zu arbeiten. Den Job bekommt sie dank einer saftigen Notlüge: Sie gibt vor, gerade Mutter geworden zu sein, um ihre mangelnde Fitness zu erklären und schon stellt ihr Chef, selbsternannter Feminist, sie ein, weil, na klar, eine Mutter muss man einstellen. Dumm nur, dass man so eine Lüge füttern muss: falsche Babyfotos, Milchpumpe in der Pause, und zack, verstrickt sie sich immer tiefer in ihrem eigenen Lügen-Workout.
Nach und nach erfahren wir mehr über ihre Vergangenheit, die alles andere als rosig war. Schon früher 1000 Prozent Ehrgeiz, jetzt neue Obsession: Bodybuilding. Und als Vick, eine Sportskanone sondergleichen, auftaucht, die als Vorbild und Rivalin gleichermaßen fungiert, beginnt ein Wettkampf, der weniger nach Fitnessstudio als nach Psychothriller klingt.

Das Thema ist stark: Wie sehr kann man sich in einem Ziel verlieren, bis man sich selbst komplett vergisst? Wie lange kommt man mit einer Lebenslüge durch? Aber: So richtig tief gebohrt wird für meinen Geschmack nicht. Vieles kratzt eher an der Oberfläche und die ständigen Zeitsprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart haben mich oft verwirrt. Ein paar klarere Übergänge hätten meinem Hirn den Lesefluss deutlich erleichtert.

Und dann das Ende: irritierend. Ich habe lange darüber nachgedacht, aber so richtig rund wurde es für mich nicht. Trotzdem: Das Buch lässt einen nicht los. Es packt da, wo’s wehtut, und stellt die unbequeme Frage: Wieviel Ehrgeiz ist eigentlich gesund? Es ist psychologisch dicht, an manchen Stellen unbequem, und stellt die Frage, wie weit man für Erfolg oder Anerkennung gehen darf.YM fühlt sich an wie ein richtig harter Kurs im Fitnessstudio: Man schwitzt, man stöhnt, manchmal möchte man einfach hinschmeißen und trotzdem merkt man noch Tage später, dass es an einem gearbeitet hat.
Ein Roman, der fordert, der nachwirkt, den man definitiv nicht einfach so wegsnackt. Für mich blieb er ein bisschen unter seinem Potenzial, aber irgendwie lässt er einen trotzdem nicht los.