Ein poetisches Kunstwerk!

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Friedesine – genannt Sine – kehrt nach 20 Jahren zu der Beerdigung ihrer Großmutter Agneta nach Siebenbürgen zurück. Das Land, das sie damals mit 4 Jahren mit ihren Eltern verlassen hatte. Wie so viele Auswanderer flüchteten ihre Eltern aus Siebenbürgen vor den Kommunisten. Dies ist die Geschichte eines Erkennens und Annehmens der eigenen Herkunft und Heimat. Sine betrachtet mit allen Sinnen das Rumänien nahe den Karpaten, lässt die Erinnerungen lebendig werden und erforscht die Geschichte Siebenbürgens und die persönliche anhand der Erinnerungsstücke ihrer Großmutter, deren noch dort verbliebenen Freunden und den Erzählungen ihres Vaters.
So fragt sie ihren wiederbegegneten Freund Julian „ Gibt es Orte, die uns in die Vergangenheit blicken lassen und uns gleichzeitig die Zukunft zeigen?"

Malerische Betrachtungen, weise Beobachtungen und Erinnerungen machen den Roman aus. Über die Großmutter: „Es war, als ob alles weiterbestehen würde solange sie lebte."
Was ist Glück – für Sine ist es der Geruch nach Heu, die Wärme der Stufen vor dem Haus.... ! „Als Kind war ich alldem zugehörig gewesen. Jetzt ist alles weiter geworden oder war ich jetzt weiter davon entfernt?“ Sine sucht nach einer Orientierung, ein halber Stein, geformt vom reissenden Silberbach wird zur Metapher.

Die bildnerische Sprache lässt die Natur erspüren, die Umgebung, die Gemeinschaft, die Düfte, sieht die Farben – das Dasein. “ Ihre Ausstrahlung war die eines Menschen, der mit seiner Umgebung vertraut war, als wäre die umgebende Welt eine Erweiterung des eigenen Körpers“.

Iris Wolff erzählt, siebenbürgisch-sächsische Geschichte, sie bewertet nicht, lässt Gebäude Landschaften, die Natur sprechen. Die Sprache fließt, der Erzählfluss ist entschleunigt. Er zeigt Sines intensive Eindrücke der sie umgebenden Schönheit, Schönheit, die auch in dem Zerfall zu sehen ist, den sie nicht beurteilt, sondern betrachtet. Es geht nicht um Identifizierung mit der Protagonistin. Mit Sines Augen und Sinnen wird der Zugang zu einem Stück ihrer Heimat geöffnet; sowie ihr Vater als Maler seine Eindrucke auf der Leinwand lebendig werden lässt, sowie ihre Großeltern in ihrer Färberei die naturbelassenen Farben zum Leuchten brachten. Es nimmt in einem selbst im Einlassen und Staunen Gestalt an. Iris Wolffs Sprache ist wie eine Melodie, wie ein Herzschlag.
Eine künstlerische Sprache. Der Roman ist weit mehr als die jüngere Geschichte Siebenbürgens, es ist das gelungene Kunstwerk, das Iris Wolff erzeugt und dem Leser Raum für die Gelegenheit gibt, die Wahrnehmung für die eigene Heimat zu entdecken. Ist dies in der schnelllebigen abgelenkten Zeit möglich? Iris Wolff zeigt es. Wenn man sich in ihren Roman einlässt, ist man bereichert. Man könnte zu der Erkenntnis kommen, dass Heimat in der Wahrnehmung der Schönheit liegt, die die Gegenwart bedeutet. Eine informative, dabei unaufdringliche Romanhandlung mit beeindruckendem Tiefgang – ein poetisches Kunstwerk!