Entwurzelung und Rückverwurzelung
Was ist Heimat? Wie gehen Menschen mit einer Entwurzelung aus ihrem Herkunftsland um? Wie finden sie ihre Identität? Ist vielleicht sogar eine Rückverwurzelung möglich? Aktuelle Fragen, die hier an Schicksalen aus Siebenbürgen aufgezeigt werden. Was wissen wir eigentlich von den „Siebenbürger Sachsen“, die seit dem Mittelalter im Zentrum des heutigen Rumänien siedel(te)n? Ein bisschen mehr erfahren wir in diesem Roman.
Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit Sine als Kind mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist. Sie gehören den Siebenbürger Sachsen an, einer deutschstämmigen Minderheit in Rumänien, die seit dem 13. Jahrhundert in Transsylvanien ansässig sind. Großmutter Agneta war dort im kleinen Ort Michelsberg (rumänisch Cisnădioara) geblieben. Nun ist sie verstorben und Sine fährt mit ihrem Vater Johann zum Begräbnis. Während Sines Vater inzwischen immer wieder in die alte Heimat gereist war, ist dies für Sine die erste Begegnung mit dem Landstrich ihrer Kindheit. Sine befindet sich gerade in einer Umbruchssituation nach Abschluss des Studiums. Unentschlossen und mutlos wartet sie auf ein Zeichen, wie es weitergeht. So nimmt sie alles ganz intensiv und sensibel auf dieser Reise auf, so dass wir es durch ihre Augen sehen.
Das versponnen wirkende einzigartige alte Haus der Großmutter Agneta scheint Sine wie eine Persönlichkeit herzlich zu empfangen und zu fragen, wo sie so lange geblieben sei. Von Raum zu Raum schreitet Sine in verschiedene Farbwelten. Kein Wunder, denn dieses Gebäude war früher auch Teil der Färberei, die die Familie einst betrieb. Erst ihr Vater hatte sich vom Handwerk abgewandt und war Kunstmaler geworden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Bilder werden in Rückblenden lebendig. Agnetas Lebensgeschichte breitet sich vor ihr aus. Unter jenen freundlichen Bewohnern, die Sine wiedererkennen, ist auch Julian, ihr Freund aus der Kinderzeit. Er wird zu Sines Ankerpunkt. Mit ihm erkundet sie aufs Neue die geschichtsträchtige, märchenhafte Landschaft Siebenbürgens und ihre alten Siedlungen, das unperfekte aber faszinierend einfache Leben, die spätsommerliche Natur und ein bisschen auch sich selbst.
Allmählich enthüllt sich die Bedeutung des Buchtitels: Der „Halbe Stein“ ist eigentlich ein Naturmonument aus der Kreidezeit und Ort zum Innehalten und Nachdenken für Sine. Für sie ist es auch ein Symbol für ihre Suche nach einer verlorenen Hälfte, von der sie noch nicht weiß, was es ist.
Aus Sines sehr feinsinnigen und genauestens beobachtenden Position erleben wir das äußere Umfeld und ihre drängenden Fragen. Nachdem sie als Kind die Heimat verließ, vermisst sie das Gefühl der Zugehörigkeit, ihre Wurzeln, die Heimat, ein Zuhause. Diese Reise nach Siebenbürgen, das Eintauchen in die Landschaft und die Geschichte seiner Menschen konfrontiert sie mit dem Schmerz des Vergangenen. Diese Fragen haben sehr große Aktualität, egal wo man seine Wurzeln hat.
Spannend ist, wie die anderen Charaktere mit den Fragen umgegangen sind, mit denen Sine gerade ringt. Auch wenn Großmutter Agneta gestorben ist, kommt es einem vor, als wäre sie präsent im Haus. Sie war eine mutige, tapfere und tatkräftige Frau, der ihr Leben die Bereitschaft gelehrt hatte, immer wieder aufs Neue loszulassen. Alles, auch Menschen, sind nur Geschenke auf Zeit „Menschen und Dinge kann man nicht besitzen.“ S. 206
Mit Sine erleben wir, wie unterschiedlich ihre Eltern und ihr Onkel mit der Identität und dem Verlust der Verwurzelung in der Heimat umgehen. Der Blick zurück gehört für den einen wesentlich zu seiner Identität, während andere damit abschließen oder sich gänzlich ablehnend abwenden.
Besonders fein ist, dass das künstlerische, atmosphärische Haus fast schon zu einem eigenen Charakter in der Handlung wird. Damit hinterlässt es mehr Eindruck bei mir als andere Protagonist*innen.
Die Autorin beschreibt ausdrucksstark und poetisch Natur und Landschaft Siebenbürgens, seine historischen Besonderheiten und geschichtliche Elemente der (fast) verloren gegangenen Gemeinschaft. Auch wenn sie feinfühlig auf den Dialekt der Siebenbürger eingeht, bin ich mir nicht sicher, in welcher Sprache sich denn eigentlich Sine und Julian unterhalten. Denn weder im Siebenbürger Dialekt noch im Rumänischen scheint Sine noch ganz firm zu sein. Gänzlich unerwähnt bleibt, dass in Rumänien die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen konnten. (Übrigens komplett im Gegensatz zu den Deutschstämmigen aus Russland.)
Das Schicksal von Sines Familie macht natürlich auch neugierig, noch mehr über Siebenbürgen zu erfahren. Ein bisschen von der Historie Siebenbürgens klingt an und auch die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen und die Gründe dafür: Willkür und Misswirtschaft des kommunistischen Systems. Nur in wenigen Sätzen erfährt man über die Deportationen nach dem Krieg durch die Russen, über Enteignungen und warum Agneta dem entkommen konnte. Leider wird hier lieber ein anderes Familiengeheimnis aufgedeckt, anstatt an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Schade.
Gefallen hat mir, dass durch diesen Roman bildlich ein „Siebenbürger Brunnen“ wiederbelebt wird denn:
„Einer der vielen toten Brunnen in Siebenbürgen“, sagte Vater. … „Wenn man einen Brunnen nicht benutzt, versiegt er.“ S. 76 Ansonsten scheint mir hier Siebenbürgen so komplett abgehoben von seinem Dasein im rumänischen Umfeld und im Zeitstrom der Geschichte dargestellt zu werden. Hier fehlt es mir an Tiefe, an Handlung, an Bewegung, an etwas, was mich berührt.
Da kommt mir der so sympathische Balduin in den Sinn, der auf Sines Frage nach seinem Alter (76), erst rechnen musste „Ach, weißt du, liebe Sina, das ist etwas, womit ich mich nicht beschäftige. Es gibt so viele andere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann.“ S. 225
Sehr liebenswert, aber etwas aus der Zeit gefallen. Geht nicht auch beides gleichzeitig? Mir schenkt der Roman immerhin den Aufhänger, mich etwas mehr mit der Geschichte Rumäniens und der Siebenbürger Sachsen zu beschäftigen.
Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit Sine als Kind mit ihren Eltern von Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist. Sie gehören den Siebenbürger Sachsen an, einer deutschstämmigen Minderheit in Rumänien, die seit dem 13. Jahrhundert in Transsylvanien ansässig sind. Großmutter Agneta war dort im kleinen Ort Michelsberg (rumänisch Cisnădioara) geblieben. Nun ist sie verstorben und Sine fährt mit ihrem Vater Johann zum Begräbnis. Während Sines Vater inzwischen immer wieder in die alte Heimat gereist war, ist dies für Sine die erste Begegnung mit dem Landstrich ihrer Kindheit. Sine befindet sich gerade in einer Umbruchssituation nach Abschluss des Studiums. Unentschlossen und mutlos wartet sie auf ein Zeichen, wie es weitergeht. So nimmt sie alles ganz intensiv und sensibel auf dieser Reise auf, so dass wir es durch ihre Augen sehen.
Das versponnen wirkende einzigartige alte Haus der Großmutter Agneta scheint Sine wie eine Persönlichkeit herzlich zu empfangen und zu fragen, wo sie so lange geblieben sei. Von Raum zu Raum schreitet Sine in verschiedene Farbwelten. Kein Wunder, denn dieses Gebäude war früher auch Teil der Färberei, die die Familie einst betrieb. Erst ihr Vater hatte sich vom Handwerk abgewandt und war Kunstmaler geworden. Längst vergessen geglaubte Erinnerungen und Bilder werden in Rückblenden lebendig. Agnetas Lebensgeschichte breitet sich vor ihr aus. Unter jenen freundlichen Bewohnern, die Sine wiedererkennen, ist auch Julian, ihr Freund aus der Kinderzeit. Er wird zu Sines Ankerpunkt. Mit ihm erkundet sie aufs Neue die geschichtsträchtige, märchenhafte Landschaft Siebenbürgens und ihre alten Siedlungen, das unperfekte aber faszinierend einfache Leben, die spätsommerliche Natur und ein bisschen auch sich selbst.
Allmählich enthüllt sich die Bedeutung des Buchtitels: Der „Halbe Stein“ ist eigentlich ein Naturmonument aus der Kreidezeit und Ort zum Innehalten und Nachdenken für Sine. Für sie ist es auch ein Symbol für ihre Suche nach einer verlorenen Hälfte, von der sie noch nicht weiß, was es ist.
Aus Sines sehr feinsinnigen und genauestens beobachtenden Position erleben wir das äußere Umfeld und ihre drängenden Fragen. Nachdem sie als Kind die Heimat verließ, vermisst sie das Gefühl der Zugehörigkeit, ihre Wurzeln, die Heimat, ein Zuhause. Diese Reise nach Siebenbürgen, das Eintauchen in die Landschaft und die Geschichte seiner Menschen konfrontiert sie mit dem Schmerz des Vergangenen. Diese Fragen haben sehr große Aktualität, egal wo man seine Wurzeln hat.
Spannend ist, wie die anderen Charaktere mit den Fragen umgegangen sind, mit denen Sine gerade ringt. Auch wenn Großmutter Agneta gestorben ist, kommt es einem vor, als wäre sie präsent im Haus. Sie war eine mutige, tapfere und tatkräftige Frau, der ihr Leben die Bereitschaft gelehrt hatte, immer wieder aufs Neue loszulassen. Alles, auch Menschen, sind nur Geschenke auf Zeit „Menschen und Dinge kann man nicht besitzen.“ S. 206
Mit Sine erleben wir, wie unterschiedlich ihre Eltern und ihr Onkel mit der Identität und dem Verlust der Verwurzelung in der Heimat umgehen. Der Blick zurück gehört für den einen wesentlich zu seiner Identität, während andere damit abschließen oder sich gänzlich ablehnend abwenden.
Besonders fein ist, dass das künstlerische, atmosphärische Haus fast schon zu einem eigenen Charakter in der Handlung wird. Damit hinterlässt es mehr Eindruck bei mir als andere Protagonist*innen.
Die Autorin beschreibt ausdrucksstark und poetisch Natur und Landschaft Siebenbürgens, seine historischen Besonderheiten und geschichtliche Elemente der (fast) verloren gegangenen Gemeinschaft. Auch wenn sie feinfühlig auf den Dialekt der Siebenbürger eingeht, bin ich mir nicht sicher, in welcher Sprache sich denn eigentlich Sine und Julian unterhalten. Denn weder im Siebenbürger Dialekt noch im Rumänischen scheint Sine noch ganz firm zu sein. Gänzlich unerwähnt bleibt, dass in Rumänien die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen konnten. (Übrigens komplett im Gegensatz zu den Deutschstämmigen aus Russland.)
Das Schicksal von Sines Familie macht natürlich auch neugierig, noch mehr über Siebenbürgen zu erfahren. Ein bisschen von der Historie Siebenbürgens klingt an und auch die Auswanderung vieler Siebenbürger Sachsen und die Gründe dafür: Willkür und Misswirtschaft des kommunistischen Systems. Nur in wenigen Sätzen erfährt man über die Deportationen nach dem Krieg durch die Russen, über Enteignungen und warum Agneta dem entkommen konnte. Leider wird hier lieber ein anderes Familiengeheimnis aufgedeckt, anstatt an dieser Stelle tiefer zu schürfen. Schade.
Gefallen hat mir, dass durch diesen Roman bildlich ein „Siebenbürger Brunnen“ wiederbelebt wird denn:
„Einer der vielen toten Brunnen in Siebenbürgen“, sagte Vater. … „Wenn man einen Brunnen nicht benutzt, versiegt er.“ S. 76 Ansonsten scheint mir hier Siebenbürgen so komplett abgehoben von seinem Dasein im rumänischen Umfeld und im Zeitstrom der Geschichte dargestellt zu werden. Hier fehlt es mir an Tiefe, an Handlung, an Bewegung, an etwas, was mich berührt.
Da kommt mir der so sympathische Balduin in den Sinn, der auf Sines Frage nach seinem Alter (76), erst rechnen musste „Ach, weißt du, liebe Sina, das ist etwas, womit ich mich nicht beschäftige. Es gibt so viele andere Dinge, mit denen man seine Zeit verbringen kann.“ S. 225
Sehr liebenswert, aber etwas aus der Zeit gefallen. Geht nicht auch beides gleichzeitig? Mir schenkt der Roman immerhin den Aufhänger, mich etwas mehr mit der Geschichte Rumäniens und der Siebenbürger Sachsen zu beschäftigen.