Heimat als innerer Zustand

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
eight_butterflies Avatar

Von

„Halber Stein“ ist ein leiser, tiefgründiger Roman, der seine Wirkung nicht aus äußeren Ereignissen bezieht, sondern aus Atmosphäre, Erinnerung und innerer Bewegung. Es ist ein Buch, das zur Langsamkeit einlädt, nicht aus Schwierigkeit, sondern aus der Fülle an Zwischentönen, die jeder Satz bereithält.
Im Mittelpunkt steht Sine, die nach dem Tod ihrer Großmutter gemeinsam mit ihrem Vater nach Siebenbürgen zurückkehrt, in das Dorf ihrer Kindheit. Diese Reise ist weniger eine geografische als eine seelische Heimkehr. Kaum angekommen, wird sie von Erinnerungen überflutet, von Gerüchen, Geräuschen, Bildern, Wegen, Gärten und Häusern, die lange in ihr geschlummert haben. Als Leserin oder Leser geht man gleichsam an ihrer Seite durch Hermannstadt, durch Innenhöfe und Landschaften, hinein in eine Vergangenheit, die sich behutsam und doch mit großer Intensität entfaltet.
Iris Wolff gelingt es in bemerkenswerter Weise, Siebenbürgen nicht nur als Ort, sondern als kulturellen und historischen Resonanzraum erfahrbar zu machen. Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen ist stets präsent, ohne belehrend zu wirken. Sie fließt selbstverständlich in die Erzählung ein und verleiht ihr Tiefe und Erdung. Man spürt, wie sehr diese Landschaft von Jahrhunderten der Zugehörigkeit, des Verlusts und der Migration geprägt ist und wie sehr auch Sine selbst diese Geschichte in sich trägt, selbst wenn sie sie lange verdrängt hat.
Die Wiederbegegnung mit Julian, dem Freund aus Kindertagen, gehört zu den stillsten und zugleich wärmsten Momenten des Romans. Zwischen den beiden stellt sich mühelos eine Vertrautheit ein, die an alte Nähe anknüpft und doch von der Gegenwart geprüft wird. Die Frage, ob Liebe Bestand haben kann, wenn Lebenswege sich in unterschiedliche Länder verzweigt haben, bleibt offen und gerade diese Offenheit verleiht der Geschichte ihre Wahrhaftigkeit.
Der titelgebende „Halbe Stein“, ein Felsen am Ufer eines Bachs, ist mehr als ein Schauplatz. Er wird zum Symbol für das Dazwischen-Sein. Für das Gefühl, weder ganz hier noch ganz dort zu Hause zu sein. Dieses Motiv durchzieht den Roman in leiser Melancholie und großer Klarheit.
Iris Wolffs Sprache ist von großer poetischer Präzision. Sie schreibt ruhig, bildreich und mit einer Sensibilität, die Dinge nicht erklärt, sondern fühlbar macht. Landschaften, Höfe, Gärten und selbst kleinste Details erhalten eine fast beseelte Präsenz. Beim Lesen entsteht der Eindruck, man bewege sich selbst durch diese Räume, halte inne, lausche, schaue genauer hin.
Auch das Ende fügt sich stimmig in diesen Ton. Ohne Pathos, ohne laute Auflösung. Der Pfarrer als Hüter leerstehender Häuser, die Rückkehr der Ausgewanderten als „Sommersachsen“, all das zeigt, wie brüchig die Verbindung zur alten Heimat geworden ist und wie sehr sie dennoch fortbesteht.
„Halber Stein“ ist ein Roman über Herkunft und Erinnerung, über Verlust und Zugehörigkeit, über das leise Ringen um einen Ort im eigenen Leben. Ein Buch für Leserinnen und Leser, die Zwischentöne schätzen, die sich gern auf Stimmungen einlassen und die Literatur lieben, die nicht überwältigt, sondern nachwirkt.