Konnte mich leider nicht überzeugen

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Iris Wolff‘ Debütroman „Halber Stein“ wurde als Taschenbuch neu veröffentlicht und bot mir die Möglichkeit, nach ihrem exzellenten Roman „Lichtungen“ die Anfänge dieser Autorin zu lesen. Leider haben sich meine Erwartungen an „Halber Stein“ erfüllt und ich habe das Buch nach einem Drittel der Seiten abgebrochen.
Aber von Anfang an: Thematisch sind sich beide Romane in den großen Fragen erstaunlich ähnlich. Was ist Zuhause? Was ist Heimat? Und bin ich dort zuhause, wo ich aufgewachsen bin oder wo ich seit langer Zeit lebe? Diese Fragen stellt sich die Protagonistin Sine, aus deren Perspektive wir die Geschichte erleben. Der kürzliche Tod ihrer Großmutter Agneta ist für Sine der Anlass, nach zwanzig Jahre langer Abwesenheit zusammen mit ihrem Vater wieder das Dorf in Rumänien zu besuchen, in dem sie viele Sommer bei ihrer Großmutter verbracht hat. Während ich als Leser Dorf und Räume zum ersten Mal erblicke, entdeckt Sine die Orte ihrer Kindheit neu und erinnert sich zugleich an längst Vertrautes. Die vielen Landschafts- und Ortsbeschreibungen lassen ihre Erinnerungen und Entdeckungen ausdrucksstark vor dem eigenen Augen auferstehen. Iris Wolff überzeugt dabei sprachlich auf ganzer Linie. Niemals zuvor habe ich einen anderen Autor erlebt, der eine so bildhafte, malerische und poetisch anmutende Sprachgewalt aufs Papier bringt. Dass mir Wolffs Beschreibungen sofort Bilder malen, liegt vor allem am starken Einsatz aktiver Verben der Autorin: In der Welt von Iris Wolff ist alles in ständiger Bewegung, besonders auch die leblose Umwelt. Da ziehen Tannen den Blick in den Wald, Stille dehnt sich zwischen zwei Personen aus, eine Mondsichel treibt auf dem Bach, Regale umrunden die Wände und ein Kachelofen drängt sich in die Ecke. Durch diesen den Roman durchziehenden Stil werden Landschaftsbeschreibungen und Sines Gang durch die halbfremden Räume ihrer Großmutter zu einem eigenen Abenteuer, bei dem ich immer wieder über die schöpferische Kraft der Autorin gestaunt habe.
Was also ist das Problem? Dieser Effekt der bildhaften Erzählung nutzt sich leider ziemlich schnell ab, weil sich Iris Wolff in den Beschreibungen verliert. Die Dialoge lesen sich toll und machen Lust zu entdecken – sind aber viel zu spärlich gesetzt im Gegensatz zu den immerzu detailliert gezeichneten Landschaften und Orten. Die für mich interessanten Fragen gerieten zunehmend in den Hintergrund und das Aushängeschild der Autorin – der durch aktive Verben gesetzte wunderbare Sprachstil – zum Gefängnis des zähen Lesens. Schweren Herzens habe ich mich deshalb nach etwas über einhundert Seiten dazu entschlossen, das Buch beiseitezulegen. Schade! Denn Iris Wolff versteht zweifelsohne das Schreiben, aber „Halber Stein“ konnte mich als Leser nicht überzeugen.