Leiser und doch sprachgewaltiger Debütroman - neu aufgelegt

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corsicana Avatar

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"... gibt es Orte, die uns in die Vergangenheit blicken lassen und uns gleichzeitig die Zukunft zeigen?"
Dieser Satz am Anfang des Romans weist bereits auf wesentliche Inhalte hin. Die Suche nach Herkunft, Familie, Zugehörigkeit und gleichzeitig der Wunsch nach einer selbst bestimmten Zukunft.
Sine, die Protagonistin, ist mit ihrem Vater zur Beerdigung ihrer Großmutter Agneta in das kleine Dorf in Siebenbürgen zurückgekehrt. Viele Jahre war sie nicht mehr dort, seit der Auswanderung mit ihren Eltern nach Deutschland. Denn ihre Mutter hatte mit dem Kapitel Siebenbürgen abgeschlossen. Nicht so ihr Vater, er hatte seine Mutter oft besucht. Aber immer ohne Sine. Jetzt jedoch erinnert sie sich an die Sommer ihrer frühen Kindheit, die sie bei der Großmutter verbracht hat. An die Hitze, die Felder, den Blick auf die Karpaten am Horizont und an den Kirschbaum im Garten. Und sie trifft Julian wieder, ihren Kindheitsfreund. Er ist geblieben und fragt sich, warum Sine in der Ferne das Glück sucht, wenn die ursprüngliche Heimat doch so viel bietet.

Dies ist der Debütroman von Iris Wolff, die selbst Rumäniendeutsche ist und als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland auswanderte. Ihre Romane spielen immer in Siebenbürgen und im Banat. Dort, wo Jahrhunderte lang Deutschstämmige wohnten. Dann kamen die Jahre der Auswanderung, als die Deutschen aus Rumänien auf ein besseres Leben in der Bundesrepublik hofften. Und in Deutschland doch erst einmal fremd waren. Sie haben sich angepasst und ein neues Leben gefunden. Doch eine gewisse Sehnsucht nach der Herkunft und der verlassenen Heimat beschäftigt doch noch viele. Auch wenn sie es verdrängen, wie Sine.

Wir tauchen tief ein in das Dorfleben in Siebenbürgen und in Erinnerungen. Das alles wird ruhig und leise und doch so sprachgewaltig erzählt, wie das eben nur Iris Wolff kann. Ihre Romane sind wahre Sprachwunder, poetisch und bildhaft und doch flüssig lesbar. Wobei einige Pausen gut tun, um den Text einfach wirken zu lassen.
Die späteren Romane von Iris Wolff sind kürzer, komprimierter. Für "Die Unschärfe der Welt" war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert, vollkommen berechtigt. Damals habe ich diese grandiose Schriftstellerin entdeckt und mochte auch ihren vorherigen Roman "So tun als ob es regnet" sehr gerne. Mit ihrem neuen Roman "Lichtungen" bin ich hingegen nicht richtig warm geworden. Hier war mir die Verdichtung ein wenig zu viel und da zusätzlich noch rückwärts erzählt wurde, habe ich leider irgendwann den Faden der Handlung verloren.

Nicht so in diesem Roman. Dieser hat mich gefangen gehalten, obwohl vordergründig gar nicht sooo viel passiert. Aber die Art, wie erzählt wird, die fand ich wunderschön.